„Dürer - Cranach - Holbein“: Eine sensationelle Ausstellung in der Hypo-Kunsthalle in München

Menschen in all ihrer Vielfalt

Hans Holbein d.J.: „Porträt von Jane Seymour“ (1537), eine Leihgabe aus dem Kunsthistorischen Museum Wien. Fotos:  Kunsthalle/nh

München. Beglückt und hingerissen. Anders kann man die Empfindungen bei dieser phänomenalen Ausstellung nicht beschreiben – und untertreibt fast. Denn die Faszination von „Dürer – Cranach – Holbein: Die Entdeckung des Menschen – Das deutsche Porträt um 1500“ umfasst die Dreieinigkeit von malerischem Superlativ-Können, seelischer Durchdringung und geistiger Tiefe.

Der Hypo-Kunsthalle ist mit dieser Zusammenarbeit mit dem Kunsthistorischen Museum Wien ein Coup gelungen. Nur gibt es in München keine Strategen, die solche Präsentationen der Extraklasse als Hype vermarkten, wie das die Berliner so gut verstehen. Sie zeigen gerade italienische Renaissance-Porträts, da sind die Bildnisse deutscher Künstler ein grandioser Kontrapunkt.

Bayern – ob Herzöge, ob Fugger – spielt eine prägnante Rolle; und die drei „Stars“ Albrecht Dürer (Nürnberg, 1471 bis 1528), Lucas Cranach d. Ä. (Kronach, 1472 bis 1553) und Hans Holbein d. J. (Augsburg, 1497/98 bis 1543) kommen aus heutigen bayerischen Landen.

Bayrisch, mutig und sehr berührend der Einstieg mit einem Toten-Porträt. Herzog Wilhelm IV. hatte einen Schlaganfall erlitten und war am 7. März 1550 verstorben. Hans Mielich, der viel für den kunstsinnigen Herrscher gearbeitet hatte, schuf ein kleines, aber sensationelles Werk. So zärtlich wie wirklichkeitsgetreu und radikal zeigt er den Menschen in Leid und Vergänglichkeit. Nichts ist wie bei anderen Totenbildern geglättet oder geschönt.

Genauso nah an die Realität rückt Hans Schäufelein ein Christusantlitz, obwohl es vor einem Goldgrund steht, der noch dem Mittelalter angehört. Aber dieser Jesus, der uns unverwandt anblickt, ist nicht nur durch unglaublich feine Pinselarbeit modelliert, sondern durch genaue psychologische Beobachtungsgabe.

Deswegen dürfen die Ausstellungsmacher an diesen Porträts als „typisch deutsch“ „den Mut zur Wahrhaftigkeit“ bezeichnen. Genau das macht die Werke für uns so spannend. Die italienischen Porträts stilisieren, idealisieren, halten uns auf Distanz. Dürer und Co. statten ihre Großkopferten mit allen Zeichen der Macht und des Reichtums aus – sie waren die Auftraggeber –, in den Gesichtern jedoch sind sie nur Menschen in all ihrer Vielfalt. Darin verwirklichen sich Renaissance und Humanismus, die das mittelalterliche Denken abschüttelten, eigenständig, gewissermaßen hautnah und damit ausgesprochen modern. So wirken manche Bilder, als kämen sie aus der Neuen Sachlichkeit der 20er-Jahre.

Die Ausstellung stellt ihre drei „Helden“ festlich heraus (auch mit farbigen Wänden), betont zugleich energisch die Virtuosität der anderen Maler von Mielich über Hans Burgkmair und Bartel Beham bis Hans Baldung Grien. Auch Bildhauerei, Medaille, Zeichnung und Druckgrafik (Dürer!) werden nicht unterschlagen. Bei allem Hang zur Individualität waren die Künstler versierte Handwerker und Geschäftsleute: So sieht man ein kleines Musterbuch mit Gesichtern, damit sich der Auftraggeber vorstellen kann, wie die Engel und Heiligen ausschauen werden.

Die großen drei? Bei Dürer beeindrucken die Gesichter, die von Lebensströmen durchpulst sind. Cranach erweist sich als schlitzohriger Entlarver: fromm gefaltete Hände, aber die Finger dick mit Ringen verziert. Holbein ist so fotorealistisch, dass man fürchtet, gleich wird man angeraunzt.

Bis 15. 1., Tel. 089/224412, www.hypo-kunsthalle.de, Katalog, opulent und gut gedruckt, im Hirmer Verlag: 25 Euro.

Von Simone Dattenberger

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