Die die Menschen liebt: Göttinger Elch an Cartoonistin Franziska Becker

Mit Elchsuppe: Cartoonistin Franziska Becker (62). Foto: Becker

Göttingen. Wolfgang Meyer ist ein bisschen nervös. Der Göttinger Oberbürgermeister soll wie immer eine Rede auf der Verleihung des Satirepreises „Göttinger Elch“ halten, doch dieses Jahr ist ein besonderes Jahr.

Nicht nur, dass mit der Karikaturistin Franziska Becker erst die zweite Frau überhaupt die im Jahr 1997 ins Leben gerufene Auszeichnung erhält, nein, ausgerechnet an diesem Samstag sitzt auch noch Alice Schwarzer im Publikum.

Wolfgang Meyer weiß, was das bedeutet. Wenn die Frauenbewegung Deutschlands zuhört, muss man perfekt gendern, stellt er fest und gibt sich Mühe, ein möglichst geschlechtsneutrales Grußwort an die Zuschauer im Deutschen Theater zu richten, unter denen auch ehemalige Preisträger wie Gerhard Polt sind.

Göttinger Elchpreis 2012

Es geht oft um Feminismus an diesem Abend. Schließlich ist Becker die Hauskarikaturistin der Zeitschrift „Emma“, für die sie seit der ersten Ausgabe 1977 Cartoons zeichnet. Mit Schwarzer verbindet sie eine lange Freundschaft. In der Würdigung der Jury heißt es, die 62-Jährige sei mit ihrem „herzstärkenden Humor“ die „witzigste Frauenrechtlerin“, Meyer vergleicht ihre Werke mit einem Spiegel, in dem man bloßgestellt werde - „stets mit einem Augenzwinkern“.

Anstelle der erkrankten Verlegerin Antje Kunstmann hält Schwarzer die Laudatio. Becker bezeichnet sie als „Chronistin unserer Zeit“, die nie eine Feministin im engeren Sinne, sondern stets eher eine bewusste Frau gewesen sei, welche mit offenen Augen durch die Welt gehe. Die Auszeichnung mache sie zur geschlechterübergreifenden Künstlerin, zeige sie doch, dass Becker auch von ihren männlichen Kollegen für ihre Arbeit geschätzt werde.

„Dabei warst du all die Jahre nie zynisch, weil du die Menschen liebst“, richtet Schwarzer das Wort an ihre Freundin, der es laut eigener Aussage nicht immer leicht fällt, ein wenig bösartig zu sein und deren frischer Humor auch das Publikum überzeugt. So versucht Becker in ihrer Dankesrede, den Ausdruck „toll“ zu vermeiden, sei sie doch erst bei der Eröffnung ihrer Göttinger Ausstellung von einer Besucherin für den inflationären Gebrauch des Wortes getadelt worden.

Oberbürgermeister Meyer ist froh, dass der Preis neben 3333 Euro und einer Brosche auch 99 Dosen „Original Göttinger Elch-Rahmsüppchen“ umfasst. Im Gegensatz zur Brosche sei so eine Suppe schließlich vollkommen geschlechtsneutral.

Ausstellung „Letzte Warnung“ von Franziska Becker: Bis 9. April Di-So, 11 bis 17 Uhr, Altes Rathaus, Göttingen.

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