„Menschen wie Trottel“: Regisseur Christopher Morris über seine Taliban-Satire „Four Lions“

Sich anständig in die Luft zu sprengen, ist gar nicht so einfach: Der Taliban-Terrorist Faisal (Adeel Akhtar) beim Training. Fotos: Capelight/dpa

Christopher Morris gehört seit den 90ern zu den beliebtesten Kabarettisten des britischen Fernsehens. In seinem ersten Spielfilm „Four Lions“ porträtiert er eine Gruppe pakistanischer Selbstmordattentäter, die an der eigenen Unfähigkeit scheitern. Die Satire löste bei der Uraufführung in Sundance 2010 Jubel aus und läuft ab Donnerstag in den deutschen Kinos.

Mr. Morris, ist Lachen die beste Art, Ängste zu überwinden?

Chris Morris: Es ist meine Art, meine Gedanken zu ordnen und die Welt zu sehen. Wie jeder andere würde auch ich die Gedanken an die Gefährdung durch den Terrorismus am liebsten verdrängen. Wir können es aber nicht, er hat unser Leben nachdrücklich beeinflusst. Ich wollte wissen, welche Ideen dahinterstecken und welche Menschen ihnen so fanatisch nacheifern. Mir schwebte dabei niemals ein realistischer Film vor, der Ängste schüren könnte, sondern eine Geschichte, über die weltweit gelacht werden kann.

Opfern und ihren Angehörigen fällt das nicht so leicht.

Morris: Daher war es mir wichtig, vorher mit Opfern des Bombenanschlags auf die Londoner U-Bahn im Juli 2005 zu sprechen. Sie haben mich ermutigt und sagten: „Mache den Film, aber stelle sicher, dass er wirklich lustig wird.“ Auch viele Briten pakistanischer Herkunft waren froh, den Film zu sehen, da sie nichts mit Al Qaida am Hut haben. Sie hoffen, dass sich das von Vorurteilen geprägte Verhältnis entspannt, wenn wir gemeinsam lachen. Vielleicht trägt der Film dazu bei, Bin Laden zu entdämonisieren und unser Denken wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Der Film hat kontroverse Diskussionen ausgelöst, wie wir sie bei der Jesus-Satire „Das Leben des Brian“ von Monty Python und in Deutschland bei Komödien über Hitler erlebt haben, bei denen auch gefragt wurde, darf man darüber lachen?

Morris: Nach der Uraufführung von „Das Leben des Brian“ zog eine Gruppe von Glaubensfanatikern in den USA gegen den Film zu Felde. Sie fühlten sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Wenn sich über meinen Film einige Glaubensfanatiker aufregen, kann mir das nur recht sein. Mir wurde auch der Vorwurf gemacht, ich würde Terroristen vermenschlichen. Was sind sie denn anderes als Menschen? Kunst darf nie davor zurückschrecken, Dinge beim Namen zu benennen. Man muss nur Rücksicht auf die Opfer nehmen.

War der 11. September 2001 der Anstoß für den Film?

Morris: Endgültig schälte sich die Idee nach dem Londoner Anschlag 2005 heraus. Ich habe mich damals dabei ertappt, dass ich den pakistanischen Lebensmittelhändler an der Ecke mit anderen Augen sehe und Menschen nach ihrem Akzent beurteilt habe.

Wie haben Sie sich dem Thema angenähert?

Morris: Ich habe mit 2000 Briten pakistanischer Herkunft gesprochen und das erste Mal bemerkt, wie viele verschiedene Sprachen sie sprechen und dass sie alles sein wollen, nur keine Pakis. Ich habe Familien getroffen, deren Cousins in Bosnien gekämpft hatten und bin mit den Jugendlichen am Wochenende um die Häuser gezogen. Manchmal dachte ich verzweifelt, was machst du als 40-jähriger Weißer unter diesen Teenagern, die Polizistinnen grundsätzlich als Schweine beschimpfen. Ich habe aber auch einen Mann getroffen, der die Scharia im eigenen Haushalt nicht gegen seine Frau durchsetzen konnte. Das war Grundlage für eine der Figuren.

Hatten Sie auch Einblick in Terroristenzellen?

Morris: Wenige Wochen nach den Anschlägen auf die Londoner U-Bahn hat der britische Geheimdienst eine Gruppe von Terroristen gefasst, die das Riesenrad „London Eye“ in die Luft sprengen wollten. Sie hatten ihr Boot so mit Sprengstoff überladen, dass es sank. Ich habe mir ihre Gesichter in diesem Moment vorgestellt und bin zu allen Verhandlungstagen im Obersten Gerichtshof gegangen.

Eine unglaubliche Geschichte.

Morris: Die Abhörprotokolle der Geheimdienste sind voll mit solchen absurden Ereignissen sowie von Eitelkeit, Dummheit und Naivität. Terroristen waren irgendwie zu 600 Kilo Sprengstoff gekommen. Sie ließen sich in Pakistan ausbilden. Als sie zurückkamen, hatten sie vergessen, wie man eine Bombe baut. Sie riefen wieder in dem Lager an und fragten nach dem Rezept. Bei den Verhandlungen fragte ich mich, ob sie unter Drogen standen. Die Polizisten verneinten das. Wir haben uns auch nicht ausgedacht, dass Briten nach Pakistan ohne passende Kleidung reisten. Wenn sich Menschen wie Trottel benehmen, muss man sie so porträtieren. Die Wirklichkeit war so absurd, dass wir Angst hatten, das würde uns keiner glauben. (Ricore)

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