Dirk Böther inszeniert „Lebensansichten zweier Hunde“ am Jungen Theater Göttingen

Menschen im Zwinger

Wanderarbeiter als Kriminelle: Felix Steinhardt (als Wang, links) und Pascal Goffin (Lai). Foto:  Eulig

Göttingen. Ausgehungert fantasieren zwei junge Männer von gebratener Ente, grölen wenige Szenen später als angehende Rockstars ins Mikrofon. Eindrucksvoll inszeniert Dirk Böther am Jungen Theater Göttingen „Lebensansichten zweier Hunde“, ein genauso witziges wie melancholisches Werk des chinesischen Dramaturgen Meng Jinghui.

Pascal Goffin und Felix Steinhardt verkörpern leidenschaftlich und ausdrucksstark die Wanderarbeiter Lai Fu und Wang Cai, die in Fellmütze und Sportjacke gehüllt ihr Heimatdorf in Richtung Peking zu verlassen. Dort hoffen sie auf neue Möglichkeiten, um der ländlichen Armut zu entfliehen. Ihre Reise wird zu einem skurrilen Abenteuer: Sie ringen mit imaginären Gegnern, landen im Krankenhaus und verwandeln sich in Kriminelle, indem sie ihre Köpfe gemeinsam in eine Feinstrumpfhose stecken. Eine große Bühne brauchen die Beiden nicht: Gespielt wird auf dem Fußboden, in der rechten Ecke ist ein Schlagzeug aufgebaut, davor steht eine Gitarre.

Im Laufe des Zweipersonenstücks, das eine Mischung aus Komödie, Drama und Stegreiftheater ist, verwandeln sie sich mehrfach in Zähne fletschende Hunde. Ein Hinweis auf die Parallelen zwischen 200 Millionen chinesischer Wanderarbeiter und streunenden Hunden. Mensch und Tier im täglichen Überlebenskampf, nach der Arbeit eingepfercht in engen Baucontainern oder lebenslang gefangen im Zwinger.

Wer aber eineinhalb Stunden lang offensive Regime-Kritik und wütendes Anprangern der sozialen Missstände in China erwartet, wird enttäuscht: Meng Jinghui arbeitet als angesehener Regisseur in einem chinesischen Staatstheater, seine zahlreichen Experimentalstücke werden landesweit für ihre unterhaltsame Gesellschaftssatire geschätzt. So geben Lai und Wang an ihren Instrumenten chinesische Popmusik zum Besten und karikieren damit die auch in Fernost beliebten Castingshows.

Es bleibt bei wenigen ernsten Kontrasten. So verlesen Lai und Wang eine Anklageschrift. Darin wird an die „Kampfgefährten der harmonischen Gesellschaft“ appelliert. Wer „das Leben unseres Volkes gefährdet und stört“, sei zu melden. Der scharfe Tonfall erinnert an die Kulturrevolution in China, bei der Parteiführer Mao Zedong Intellektuelle und Künstler verfolgen ließ und tiefes Misstrauen die Bevölkerung breit erfasste.

Ein temporeicher Abend, der einen spannenden Eindruck von der Theaterszene Chinas vermittelt. Langer, stürmischer Premierenapplaus.

Nächste Termine: 6., 9., 10., 14., 19., 21. Mai, 20 Uhr, Karten: Telefon: 0551-495015, www.junges-theater.de

Von Sonja Broy

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