Menschenbilder im Karfreitagskonzert des Kasseler Staatsorchesters

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Solistischer Auftritt von 23 Streichern: Das Kasseler Staatsorchester spielte unter der Leitung von Patrik Ringborg die „Metamorphosen“ von Richard Strauss. 

Kassel. Was den Menschen ausmacht - darauf haben Komponisten seit jeher mit ihrer Musik Antworten zu geben versucht. Drei solcher Werke standen beim Karfreitagskonzert des Staatsorchesters auf dem Programm. 

Die Dramaturgie war ungewöhnlich. Nachdem ein Streicherensemble und Generalmusikdirektor Patrik Ringborg die Bühne betreten hatten, verlosch das Licht, und durch die geöffneten Saaltüren drangen Klänge wie von fern - Mozarts „Maurerische Trauermusik“. Aus der Distanz waren es die starken Bässe (Kontrabass, Kontrafagott), die den Seufzermotiven eine Kraft des Sich-Behauptens beimischten und den Schluss in Dur vorbereiteten: Trauer und auch Feier eines Lebens in vier Minuten – dirigiert von Kapellmeisterin Anja Bihlmaier.

Um was es in einem Leben gehen kann, das hat Richard Strauss am Ende seines Lebens in den Metamorphosen für 23 Solostreicher thematisiert, die nahtlos an die Trauermusik anschlossen. Keine optimistische Musik, die mit dunklen Klängen von Bässen und Celli anhebt, und – formal komplex – Erinnerungen an glückliche Zeiten wie auch an leidenschaftliche Kämpfe beschwört, ehe sie in resignativem Moll verebbt. Es war eine bewegende Darbietung, bei der Ringborg und die 23 Streicher hohe Klangkultur und eine nicht nachlassende Intensität mit jener souveränen Abgeklärtheit verbanden, die dieses Alterswerk auszeichnet.

Auch Beethoven zeichnet mit seiner dritten Sinfonie, der „Eroica“, ein Bild des Menschen. Vieles spricht dafür, dass hier Stationen eines heroischen Lebens anhand der Figur des Prometheus, des Kulturstifters der Menschheit, entwickelt werden - von der Ausbildung der Individualität im ersten Satz über die Todeserfahrung im Trauermarsch bis zum allseits entwickelten Menschen im formal vielschichtigen Finale.

Anders als heute meist üblich, ging Ringborg den ersten Satz in eher mäßigem Tempo an und verwandte viel Sorgfalt auf die Ausformung der Themen und die klangliche Balance – eine nachvollziehbare und vom Staatsorchester brillant umgesetzte Interpretation. Beim sehr langsam genommenen Trauermarsch allerdings drohte dieses Spannungsmoment zu kippen. Das sehr rasche und leichte Scherzo (mit feinen Hörnerrufen im Trio) bot dazu den größtmöglichen Kontrast, ehe im Finale die thematischen und Tempogegensätze noch einmal spannungsreich ausagiert wurden. Starker Beifall nach diesem außergewöhnlichen Karfreitagskonzert.

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