Rückblick 2010: Zwischen Schließungsplänen und Schlangestehen - Kunst wehrt sich gegen Kürzungen

Menschenketten ums Museum

München, du hast es besser: Während in Hamburg über Schließungen debattiert wurde, sorgt das neue Museum Brandhorst im Areal um die Pinakotheken weiter für Zustrom. Die Museumsdichte machen Hinweisschilder bei der Eröffnung des „Türkentors“ im Oktober anschaulich. Die Staatlichen Museen Bayerns erhalten 43 Euro je Besucher Förderung. Zum Vergleich: Bei den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden sind es sechs Euro. Foto: von Busse

Eine Menschenkette um die Hamburger Kunsthalle: So machte deren Freundeskreis im Sommer mobil gegen eine Schließung der Galerie der Gegenwart. Ob wegen defekter Brandschutzklappen, wie Kultursenatorin Karin von Welck (parteilos) behauptete, oder um 220 000 Euro im 10,7-Mio.-Etat einzusparen, wie Kunsthallen-Leiter Hubertus Gaßner sagte - die Furcht, dass Touristen vor verschlossenen Türen stehen müssten, war ein warnendes Beispiel dafür, dass es in der Kulturförderung in den nächsten Jahren ans Eingemachte gehen wird.

Jede zehnte Kultureinrichtung sei bis 2020 vom Aus bedroht, heißt es in einer Studie der Beratungsfirma A.T. Kearney. Für den Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Martin Roth, war die geplante Schließung der Galerie der Gegenwart „ein Hilfeschrei, der ein Grundsatzbekenntnis verlangt“. Doch selbst in der vergleichsweise wohlhabenden Hansestadt kam es noch schlimmer.

Während das Richtfest des Hamburger Prestigebaus schlechthin, der Elbphilharmonie, den Blick auf Kostenexplosionen, Zeitverzögerungen und Baumängel lenkte, verordnete von Welcks Nachfolger, der fachfremde, nassforsche Kultursenator Reinhard Stuth (CDU), der Stadt - ob Bücherhallen oder Schauspielhaus - einen Sparkurs, der einen Aufschrei sondergleichen bewirkte. Gegen die Schließung des 147 Jahre alten, gerade für drei Millionen Euro sanierten Altonaer Museums, eines bedeutenden Hauses für norddeutsche Kulturgeschichte, protestierten 60 000 Menschen mit ihrer Unterschrift.

Die Schließung eines Museums, das „in der Spitze 30 voll zahlende Besucher am Tag hat“, könne nicht den Untergang des Abendlandes bedeuten, rechtfertigte sich der Senator. Er sagte nicht, dass es die Politik war, die beschlossen hatte, Kindern und Jugendlichen freien Eintritt zu gewähren. Von denen kommen Zehntausende ins Altonaer Museum. Stuth verschwieg auch, dass sich ein Museum nicht einfach abwickeln lässt. Wohin mit den 640 000 wertvollen Objekten? Wer soll sie pflegen und erhalten? Abtransport und Lagerung in Depots wären teurer als der Betrieb.

Einsparungen von 3,5 Mio. Euro bis 2014 wurden am Ende der gesamten Stiftung Historische Museen Hamburg aufgedrückt. So werden mehrere Häuser schleichend ausgetrocknet, statt ein einziges öffentlichkeitswirksam dichtzumachen. „Deutschlands Freiheit wird in Wahrheit nicht am Hindukusch verteidigt, sondern in den Theatern, Konzertsälen, Opernhäusern, Museen und Buchläden und natürlich in den Schulen“, sagt Ex-Kulturstaatsminister Michael Naumann (SPD). Doch das Bewusstsein dafür, dass Museen an sich eine Aura und einen Auftrag haben, weil sie Vergangenheit vergegenwärtigen, bewahren und erforschen, das scheint verloren zu gehen.

Immerhin: Über 100 Millionen Besucher zählen die deutschen Museen jährlich. Andrang herrscht bei professionell vermarkteten Blockbuster-Ausstellungen: Selten gezeigte, geheimnisvolle, mythenumrankte Künstler werden Publikumsmagneten. 370 000 Menschen haben die Botticelli-Schau im Frankfurter Städel besucht, 336 000 „Das schönste Museum der Welt“ im neuen Folkwang-Museum Essen. Bei der Frida-Kahlo-Retrospektive im Gropius-Bau (über 200 000 Besucher) waren zum Schluss sieben Stunden Geduld vor dem Einlass gefragt. Ob Neo Rauch oder Kirchner - Kunst ist ein Event, bei dem man, einem Schneeballeffekt geschuldet, dabei gewesen sein muss, am besten inklusive Wartezeiten.

Über ein Jahr vor dem Start im August 2011 verkauften die Staatlichen Museen Berlin die ersten Tickets für die Schau „Gesichter der Renaissance“. Auch so kann man einen Hype erzeugen.

Von Mark-Christian von Busse

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