Platz eins der Charts

Menschenverachtender Gangster-Schwachsinn: Das neue Album von Bushido

Ist er wirklich böse oder will er nur spielen? Als Bushido zuletzt wegen des Vorwurfs der Körperverletzung vor Gericht stand, wünschte er Journalisten per Twitter „einen schönen Aidstest“. Der 35-Jährige wurde freigesprochen. Foto: Fischnaller

Vielleicht wäre es besser, wenn es diesen Text und die ganzen anderen Artikel über Bushido gar nicht gäbe. Womöglich stünde das neue Album des Berliner Rappers dann nicht auf Platz eins der Charts. Aber kann man „Sonny Black“, so heißt das zehnte Studioalbum des 35 Jahre alten Berliners, wirklich totschweigen?

Man muss ja auch über die NPD berichten. Und bevor sich jetzt jemand über den Nazi-Vergleich aufregt: „Sonny Black“ besteht nicht nur aus technisch erschreckend eindimensionalem Sprechgesang, sondern auch aus „Herrenmenschenhumor“, der sich über all das lustig macht, was von Bushido als wertlos erachtet wird, wie ein Kritiker schrieb.

Das hört sich dann so an: Im Eröffnungsstück „Fotzen“ kündigt Bushido alias Sonny Black an, dass er Berlin wieder hart mache, die Komiker von Y-Titty will er erhängen. Die anderen Songs heißen „Messerstecherei“, „Blei-Patronen“ und „Baseballschläger“. Verbal fertig gemacht werden „schwule Spasten“, „Missgeburten“ und „Grünen-Wähler“. Dem Fußballtrainer Jürgen Klopp wird mit einem Gürtel „das Maul gestopft“, während Bushido sich selbst so charakterisiert: „Ich bin hochkarätig, großes Ego, großer Penis.“

Manche halten das alles für ein großes Konzeptwerk, weil „Sonny Black“ nur eine Kunstfigur sei. Der Name ist das Pseudonym des New Yorker Mafia-Gangsters Dominic Napolitano (1930-1981). Auf dem Album gibt es Querverweise zu den Paten-Filmen, und in Interviews erzählt Bushido gern, wie toll er die legendäre Mafia-Serie „Sopranos“ findet. „Darf euch zwar nicht essen, doch ich schlachte euch, ihr fetten Schweine.“

Das Problem ist, dass es keine Grenzen mehr zu geben scheint zwischen der Kunstfigur und der realen Person, die eigentlich Anis Mohamed Youssef Ferchichi heißt. Ferchichi alias Bushido pflegt enge Kontakte zur Familie Abou-Chaker, dem berüchtigten Neuköllner Palästinenser-Clan, dessen Mitglieder Vornamen wie Rommel tragen. Bekannt geworden ist Bushido vor zehn Jahren mit Zeilen wie „Ihr Tunten werdet vergast“. Reich geworden sein soll er jedoch vor allem mit Immobiliengeschäften, die die Familie Abou-Chaker eingefädelt haben soll.

Als sein ehemaliger Kumpel, der Rapper Kenneth Glöckler alias Kay One, Bushido vorwarf, ein „Sklave“ der Mafia zu sein, veröffentlichte Bushido den zehnminütigen Song „Leben und Tod des Kenneth Glöckler“. Am Ende wird Kay One mit einem Kopfschuss hingerichtet. Im echten Leben erhielt der „DSDS“-Juror Polizeischutz. Aber wo beginnt bei den Berliner Gangsta-Rappern eigentlich das echte Leben?

André Peschke, Betreiber des Göttinger Labels RZ-Recordings und Lehrer an der Kasseler Max-Eyth-Schule, hält Bushido nicht für einen bösen Menschen. HipHop sei die „Opposition der kleinen Leute“. Vielleicht hat er recht und Bushido wollte einfach wieder ein bisschen der Alte sein. Vor zwei Jahren schien es ja, als sei aus dem bösen Jungen ein anständiger Mann geworden. Der Sohn eines Tunesiers bekam den Integrations-Bambi, schrieb ein Anti-Sarrazin-Buch und absolvierte ein Praktikum bei einem CDU-Bundestagsabgeordneten.

Aber gute Nachrichten verkaufen sich nicht so gut. Bushido brauchte wieder ein paar schlechte. Und jetzt ist alles etwas aus dem Ruder gelaufen. Wenn das so wäre, bräuchte man über „Sonny Black“ keine Zeile verlieren.

Bushido: Sonny Black (Bushido/Sony). Wertung: keinen von fünf Sternen

Von Matthias Lohr

Video von Bushidos Auftritt in Kassel

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