Neu im Kino: Schräge Komödie „Arschkalt“ mit Herbert Knaup

Menschlicher Gletscher

Unterwegs mit Tiefkühl-Lieferungen: Rainer Berg (Herbert Knaup, links) und Moerer (Johannes Allmayer). Foto: nfp/ nh

Manchmal wünschte ich mir, ich wäre ein Fischstäbchen. Früher oder später würde ich in der Pfanne landen, aber bis dahin hätte ich wenigstens meine Ruhe“, sinniert Rainer Berg (Herbert Knaup) in der Komödie „Arschkalt“ beim Ausfahren von Gefriergut in der norddeutschen Provinz.

Ist der muffelige Eigenbrötler auch fast. Die Panade fehlt zwar, aber innerlich hat Rainer seine Gefühle längst auf den idealen Tiefkühlwert von minus 18 Grad heruntergefahren. Nur nichts riskieren. Rainers Leben ist so geschreddert wie ein Fischfilet, das noch nicht in Stäbchenform gepresst wurde. Dem autoritären, hochbetagten Vater spielt er zwar die heile Welt vor. Aber dessen Nobel-Altenheim kann er sich eigentlich nicht leisten, die Familienfirma hat er ruiniert, weshalb er bei einem Gefriergut-Service als Auslieferungsfahrer anheuern musste. Und seine Frau ist auch weg.

Das Tiefkühl-Milieu mit den „Mr. Frost“-Werbelogos auf Kuschelanoraks, lächerlichen Ohrschützern für Kühlhaus-Besuche und einem aufblasbaren Werbe-Iglu vor dem Firmensitz ist ein wunderbar absurder Ort, diese lakonische Komödie anzusiedeln. Der junge Regisseur und Drehbuchautor André Erkau zimmert darauf dann allerdings eine allzu vorhersehbare Dramaturgie. Der gefrostete Zyniker bekommt einen neuen Kollegen in den Lieferwagen - den dauerquasselnden Ex-Friseur Moerer (Johannes Allmayer), der seine Weisheiten aus Teebeutel-Sprüchen bezieht. Und in dem Maß, in dem die zwei Gegenspieler sich zusammenraufen, taut Rainer Berg auf Zimmertemperatur auf. Prompt klappt’s auch mit der holländischen Chefin Lieke (Elke Winkens), die von der Konzernleitung auf die Straße gesetzt wird.

Drei Verlierertypen müssen neu anfangen: Das unausgegorene Drehbuch verschenkt die Chance, die Komödie aus dieser vielversprechenden, wenn auch nicht sonderlich originellen Ausgangslage mit einem hintergründigen Gesellschaftsporträt zu unterfüttern und bleibt an der tv-gerechten Oberfläche. Außerdem sind die Roadmovie-Elemente nicht ausreichend stilistisch durchkomponiert, die ewig gleichen Bilder vom platten Land hinterm Deich ermüden schnell.

Sehenswert ist natürlich Herbert Knaup, der den desillusionierten Verlierertypen jenseits der Lebensmitte facettenreich als menschlichen Gletscher vor dem Schmelzpunkt porträtiert.

Genre: Komödie

ohne Altersbeschränkung

Wertung: !!!::

www.hna.de/kino

Von Bettina Fraschke

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