Von Puppen und Menschen

Mentha zeigt die Operette „Die Csárdásfürstin“ in Schwarz-Weiß

Kassel. Die Operettenwelt ist nicht immer bunt. Bei der Kasseler Neuinszenierung von Emmerich Kálmáns Erfolgsstück „Die Csárdásfürstin“ ist sie schwarz-weiß. So als ob man sie in einem alten Film sehen würde.

Das ist originell, schafft aber auch Distanz. Der Luzerner Theaterchef Dominique Mentha sucht als Gastregisseur in Kassel denn auch nicht den schrillen Effekt, sondern er setzt auf die leiseren Pointen. Vielleicht war es nicht allein der Inszenierung geschuldet, dass die Publikumsreaktionen zunächst verhalten ausfielen: Die offene Bühnenkonstruktion von Werner Hutterli (vor einem transparenten Hintergrundbild der Wiener Staatsoper) lässt den Gesang der Solisten nicht in der gewohnten Präsenz und Dynamik im Zuschauerraum ankommen.

Schade, denn Kálmán hat viele Operettenhits zu bieten. Gleich zu Beginn wird ungarisches Kolorit verströmt, wenn die gefeierte Budapester Sängerin Sylva Varescu, von Orchester-Tremolo begleitet, in Moll ihr Lied „Heia, in den Bergen ist mein Heimatland“ anstimmt.

Die Sopranistin Cristina-Antoaneta Pasaroiu gab in der Rolle der „Csárdásfürstin“ Sylva ein ausdrucksstarkes Kassel-Debüt. Sie ist die Zentralfigur dieser Operette, deren Happy-End darin besteht, dass der Fürstensohn Edwin nach vielen Verwicklungen der Liebe folgen und die Chansonette Sylva heiraten darf. Pasaroiu verkörpert auf anrührende Weise eine Frau, die im Milieu des Amüsieradels ihren eigenen Weg geht. Was Frauen sonst zählen, zeigt Mentha, wenn er kleine Püppchen vom Bühnenhimmel herunterkommen lässt, mit denen die Herren spielen, ehe echte Tänzerinnen als lebende Puppen erscheinen.

Dafür sind die Männer auch echte Charmeure, allen voran Edwin und seine Freunde: Tomasz Wija, der als verschmitzter Feri mit feinem Bariton den Frauen den Hof macht, und der nervös-agile Graf Boni, den Gideon Poppe mit strahlendem Tenor ausstattet. Dass er die von Ani Yorentz hinreißend verkörperte Komtesse Stasi abbekommt, ist nach seinen akrobatischen Einlagen mehr als verdient. Ebenfalls sein Kassel-Debüt feierte der Tenor Paulo Paolillo als Edwin. Souverän zeigte er mit seiner hell timbrierten Tenorstimme Präsenz.

Für Begeisterung sorgten zwei Kasseler Altstars: Joke Kramer und Dieter Hönig glänzten in den Sprechrollen des alten Fürstenpaars mit präzise gesetzten Pointen. Zum guten Schluss wurde es auf der Bühne sogar noch bunt. Aber nicht knallbunt, sondern wie in einem nachkolorierten Schwarz-Weiß-Film (Kostüme: Ursina Zürcher). Wichtiger als die Farbe war jedoch der Tanz (Choreografie: Kinsun Chan). Getanzt wurde fast immer, und sei es im Hintergrund, mal klassisch, mal schräg. Klar, worum es 1915, als die „Csárdásfürstin“ in Wien herauskam, eigentlich ging: Amüsement im Angesicht des Krieges.

Der Erste Kapellmeister Alexander Hannemann und das bestens disponierte Staatsorchester samt schlagkräftigem Opernchor erzeugten dazu einen Soundtrack von suggestiver Wirkung. „Die Mädis, die Mädis“ und „Das ist die Liebe, die dumme Liebe“ - viele Zuschauer im ausverkauften Haus dürften mit solchen Ohrwürmern nach Hause gegangen sein. Freundlicher Beifall.

Wieder am 1., 9. und 16.11. Karten Tel. 0561/1094-222.

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