Michael Kellner stellt in Kassel seine Übersetzung eines Romans von William S. Burroughs und Jack Kerouac vor

Messerstiche im dunklen Riverside Park

1953 war alles Spaß: William S. Burroughs und Jack Kerouac, fotografiert von Allen Ginsberg. Im Roman geht es um einen realen Totschlag 1944. Foto: Corbis

Kassel. Alles begann am Kasseler Schauspielhaus. 1970, nach einer experimentellen Ballett-Aufführung zu Allen Ginsbergs Poem „Howl“ durch André Doutrevals Compagnie, kaufte Michael Kellner, damals Schüler am Wilhelmsgymnasium, den Gedichtband: „Ich sah die besten Köpfe meiner Generation vom Wahn zerstört, hungrig, hysterisch, nackt ...“.

Fortan beschäftigte sich Kellner intensiv mit der Literatur der „Beat Generation“. Ihr gehörten neben Ginsberg auch William S. Buroughs (1914-1997) und Jack Kerouac (1922-1969, „On the Road“) an. Kellner, der seit 1975 in Hamburg lebt, hat sie alle übersetzt, verlegt, Lesungen organisiert. 2008 wurde seine Neuübersetzung von Burroughs’ „Naked Lunch“ für den Leipziger Übersetzerpreis nominiert. Heute stellt er den gerade erstmals erschienenen Roman „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“ von Burroughs/Kerouac in seiner Heimatstadt vor.

Für die Beat Generation, diese 50er-Jahre-Bohème, begann alles mit einem Totschlag. Am 14. August 1944 stieß der junge Lucien Carr im New Yorker Riverside Park seinem Freund David Kammerer ein Messer in den Bauch und versenkte den Körper im Hudson. Beide hatte eine lange, komplizierte Beziehung verbunden, der sich der Jüngere als Matrose entziehen wollte. Vermutlich gerieten die Männer deshalb in Streit. Carr floh, vertraute sich aber seinen Freunden Buroughs und Kerouac an, ehe er verhaftet wurde.

Das Autorenduo hat den Fall im Krimistil eines Dashiell Hammett fiktionalisiert: eine existentialistisch knappe Schilderung. Burroughs - später Leitfigur der amerikanischen Gegenkultur - schreibt als Barmann Will Dennison, Kerouac als Säufer und Seemann Mike Ryko. Erscheinen konnte das Buch erst nach dem Tod aller Beteiligten. Carr, der 2005 starb, hatte sich nach seiner Haft von den Beatniks, die immer mit Alkohol und anderen Drogen zu kämpfen hatten, gelöst und war Journalist bei UPI geworden. Für Übersetzer Kellner stehen als nächstes ausgewählte Burroughs-Briefe an - sowie Aufsätze „irgendwelcher Jungakademiker im poststrukturalistischen Stil“ zu Kerouac: „Man darf nicht wählerisch sein. Da muss man sich durchquälen.“ Die Beat Generation bleibt sein Lebensthema.

William S. Burroughs, Jack Kerouac: Und die Nilpferde kochten in ihren Becken. Nagel & Kimche, 192 S., 17,90 Euro

Lesung heute, 20 Uhr, Literaturbüro Nordhessen, Lassallestraße 15, Kassel.

Von Mark-Christian von Busse

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