Michael Wollny macht Kulturzelt zur Wunderkammer

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Das Duo im Zentrum: Michael Wollny und Tamar Halperin brachten das ganze Spektrum an Tasteninstrumenten zum Klingen. Fotos: Zgoll

Kassel. Eine Wunderkammer, erklärte der Pianist Michael Wollny (36) den Zuhörern im fast ausverkauften Kasseler Kulturzelt, ist so etwas wie ein Museum, ein Raum zum Staunen über allerlei seltsame Objekte. Beim Auftritt Wollnys zusammen mit der israelischen Cembalistin Tamar Halperin und der hr-Bigband verwandelte sich das Kulturzelt selbst in eine Wunderkammer.

Nicht nur wegen der Ansammlung verschiedenster Tasteninstrumente, deren spielerische Zusammenführung Wollny im Jahr 2009 als „Wunderkammer“-Projekt startete, sondern auch weil es reichlich Anlass gab, über die Spielkunst der versammelten Musiker zu staunen.

Die musikalische Wunderkammer verfügt über zahlreiche Kabinette, so die Titel einiger Stücke, und mit den Kabinetten 2, 4 und 5 ging’s los. Die ersten Töne streute die Cembalistin in den Raum, die vom Klavier aufgenommen wurden, dann von den Bigband-Bläsern illustriert wurden, ein kompakter Sound, grundiert von der Kontrabassklarinette.

Die Exposition gab ein Muster vor, das an diesem gut 90-minütigen Abend mehrfach variiert werden sollte. Ausgehend von einfachen Melodiemodellen ergab sich ein zunehmend verdichteter Satz mit kleinteiligen, drängenden Rhythmen, der sich irgendwann aus seinen Fesseln befreite und in eine freejazzartige Improvisation überging.

Stilistisch sind diese ausufernden musikalischen Entwicklungen kaum zu fassen, es mischen sich Jazzelemente mit Minimal-Music-Mustern, die gefühlvolle Ballade findet ebenso ihren Platz wie viele musikalische Assoziationen - in der zweiten Zugabe ließ sogar Chatschaturjans „Säbeltanz“ grüßen.

Im Verlauf des Abends wurden Michael Wollnys Klavierimprovisationen, bei denen er auch in John-Cage-Manier die Saiten direkt mit den Händen bearbeitete, immer komplexer und virtuoser - eine Lust, diesen intellektuell anspruchsvollen Eingebungen zu folgen.

Für die im Wortsinn unerhörten klanglichen Effekte bei Stücken wie „Sagée“ (nach einer französischen Okkultistin) sorgte Tamar Halperin, die sich nicht nur mit spitzen Cembaloklängen, sondern auch mit der glockenspielartigen Celesta und dem sägenden Harmonium als versierte Dialogpartnerin Wollnys in Szene setzte.

Dem früheren Leiter der hr-Bigband, Jörg Achim Keller, der an diesem Abend das Ensemble wieder leitetete, ist es zu verdanken, dass aus dem ursprünglichen Duo-Projekt Wollnys und Halperins die „Wunderkammer XXL“ wurde - ein faszinierendes jazzorchestrales Gesamtkunstwerk, bei dem auch Solisten der Bigband wie Axel Schlosser am Flügelhorn eigene Glanzlichter setzten.

Wer nicht dabei sein konnte, mag sich mit dem Album „Wunderkammer XXL - live“ (ACT Music) trösten, das allerdings das Konzerterlebnis nicht ersetzen kann.

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