Frage: Sollen die Rolling Stones weiter rocken?

Mick Jagger wird 70: Dieser Opa war einst ein Rebell

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Mick Jagger

Wir waren jung, gut aussehend und dumm“, sagte Mick Jagger, der heute vor 70 Jahren in Dartford im Süden Londons als Michael Philip Jagger geboren wurde und sich seit 2003 „Sir Mick“ nennen darf, über die Anfänge seiner Karriere als Rolling-Stones-Frontmann.

Jung, sexy, dumm - alles Vergangenheit, wobei sich über die Attraktivität des Jubilars mit den berühmten Riesenlippen, markanter Stimme und lässigem Cockney-Akzent sicher am meisten streiten lässt. Immerhin: Eine Jagger-Locke, vor 50 Jahren von einer Freundin abgeschnitten, wurde kürzlich für 4600 Euro versteigert.

Früher hat Jagger an Drogen, Affären und anderen Eskapaden nichts ausgelassen. Mittlerweile bevorzugt er Tee mit Honig, trainiert er mit einem norwegischen Coach, hält sich diszipliniert mit Yoga und Ballett fit, eine schmale paillettenbesetzte Jacke wie kürzlich beim Glastonbury-Festival passt noch. Aber ins Gesicht haben sich tiefe Furchen eingegraben: „Sie stehen ihm gut zu Gesicht, ich liebe seine Falten“, findet wenigstens U2-Kollege Bono.

Das Image des gefährlichen Bürgerschrecks der 60er jedenfalls ist passé, der vordergründig so provozierend-aggressive Sänger von Hits wie „(I can’t get no) Satisfaction“ - in Wahrheit stammte Jagger aus einer behüteten Mittelschichtfamilie und ging zum Studium an die London School of Economics - hat sich längst als kluger Geschäftsmann entpuppt, der mit Stadiontourneen die Kommerzialisierung des Pop vorangetrieben und mit der im Rhythm & Blues wurzelnden Musik ein Vermögen von geschätzten 232 Mio. Euro angehäuft hat.

Dass die Höhepunkte der Hyde-Park-Konzerte vom Juli, 44 Jahre nach dem legendären Auftritt dort nach dem Tod des Ex-Gitarristen Brian Jones, bis 19. August nur bei iTunes zum Download bereitstehen, passt zur Strategie. Schließlich will die große Familie versorgt sein. Jagger, dem unzählige Verhältnisse bis hin zu Carla Bruni und David Bowie zugeschrieben werden, war zweimal verheiratet, hat sieben Kinder von vier Frauen, vier Enkelkinder. Seit 2001 ist er mit Stylistin L’Wren Scott (46) zusammen.

Der Cricketfan hat vier erfolgreiche Soloalben gemacht (zuerst 1985 „She’s the Boss“), geschauspielert, Filme produziert, zuletzt das Bandprojekt SuperHeavy mitgegründet. Doch tritt er immer und immer wieder mit Keith Richards (69), Charlie Watts (72), Ron Wood (66) auf, seit sich Jagger und Richards 1960 in Dartford am Bahnhof begegneten und am 12. Juli 1962 im Londoner Marquee Club zum ersten Mal als „The Rollin’ Stones“ auf die Bühne sprangen. Und noch immer gilt der Satz seines Freundfeindes Richards, die Stones verlasse man „im Sarg oder man wird rausgeschmissen“.

Von Mark-Christian von Busse

Sollen die Rolling Stones weiter rocken?

Pro: Sentimentalität ist okay - Mark-Christian von Busse (44) findet, dass die Stones in Würde alt werden

Dass sich auch noch Heino als Fan outet („Mick Jagger ist drahtig, dynamisch wie ich“), haben die Stones nicht verdient. Dabei ist ja alles richtig: Dass aus den rebellischen Rüpeln clevere Geschäftsleute wurden, die eine Maschinerie zum Geldverdienen am Laufen halten. Dass „Street Fighting Man“ von einer Altherrenkombo ans Lächerliche grenzt. Dass sich die Besucher all der Mega-Auftritte der Sentimentalität hingeben, in Erinnerungen schwelgen, die Nostalgie eines kurz aufblitzenden jungen, wilden Lebensgefühls genießen. Und doch: Solange Mick Jagger in der Lage ist, seine vielen Kilometer auf der Bühne abzuspulen, zu toben, zu wirbeln, zu singen, zu brüllen, solange Keith Richards seine genialen Riffs spielen kann, sollen sie’s tun. Mögen die Stones nicht mehr Inkarnation aufsässiger Rock’n’Roll-Ausschweifungen sein, stehen sie heute für ein verändertes Bild des Alterns, das nicht mehr Konventionen entspricht: Man ist so jung, wie man sich fühlt. An Kraft, Energie und Faszination haben ihre großen Songs sowieso nichts eingebüßt.

Kontra: Jetzt reicht’s aber - Matthias Lohr (38) hält die Stones nur noch für ein Museum

Die Frage ist der Opa unter den Vorwürfen im Pop-Geschäft. Schon 1976 schrieben Kritiker, die Rolling Stones seien zu alt und sollten sich endlich auflösen. Hätten Mick Jagger und Keith Richards darauf gehört, wären wir nie in den Genuss des sehr schönen Albums „Steel Wheels“ (1989) gekommen. Selbst die eingefleischten Stones-Fans müssen jedoch zugeben, dass seitdem nicht mehr viele gute Alben dazugekommen sind. Ich kenne niemanden, der sich eine Stones-CD der jüngeren Vergangenheit mehr als dreimal angehört hätte. Aus der wichtigsten Rock’n’Roll-Band der Welt ist ein Museum geworden, das sein Erbe mit gigantischen Tourneen nur noch verwaltet. Hätte es die heutigen Stones schon 1969 gegeben, wären sie von den damaligen Stones mit „Street Fighting Man“ von der Bühne gejagt worden. Nichts gegen ihr Alter. Der faltige Mick Jagger sieht noch cooler aus als früher. Und die ganzen jungen Bands wären froh, wenn sie nur halb so lange durchhielten. Aber Rock sollte mehr sein als zurückzuschauen. Die Stones waren toll, jetzt reicht es.

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