Die Schauspielschule Kassel spielte Molières gesellschaftskritische Komödie „Tartuffe“ im Dock 4

Ein mieser Scheinheiliger

Überzeugendes Spiel: Christian Marx (Orgon) und Marie Schröder (Elmire) von der Schauspielschule Kassel in „Tartuffe“. Foto:  Schachtschneider

Kassel. Wieder einmal sinkt er auf die Knie, heuchelt betend den Überfrommen und hat für seinen Gönner Orgon doch alles andere als Segensreiches im Sinn. Tartuffe heißt der bigotte Betrüger. Der französische Dichter Molière schickte ihn 1664 in seiner berühmten Komödie zum ersten Mal auf die Bühne und löste damit wegen seiner revolutionären Kritik an Religion und Gesellschaft einen Theaterskandal aus. Die erste und zweite Fassung wurden verboten.

Studenten des sechsten Semesters der Schauspielschule Kassel brachten Molières gesellschaftskritische Komödie am Freitag im ausverkauften Dock 4 als Abschlussinszenierung auf die Bühne. Die Leitung hatten Carlo Ghirardelli, Viktor Dell und Andrea Tralles. Was für eine Ausgeburt an Undankbarkeit und Hinterhältigkeit ist doch dieser Tartuffe (Alex Rickert überzeugend scheinheilig). Vom wohlhabenden Orgon (Christian Marx herrlich stur und borniert) lässt er sich aufnehmen, beschenken, ja fast anbeten. Seine Tochter (Milena Aboyan, zeitgemäß brav) möchte Orgon mit Tartuffe vermählen und überschreibt ihm gar sein Haus. Orgons Familie hat samt Hausmädchen Dorine (Sofia Sheynkler als resolute Frau mit Herz und Durchblick) Tartuffe längst durchschaut, doch der vor Verehrung blinde Hausherr schützt ihn.

Erst als Orgons Gattin Elmire (Marie Schröder mit viel Präsenz) zum Schein auf Tartuffes Annäherungsversuche eingeht, erkennt auch Orgon den Betrug. Doch es scheint zu spät.

Fazit: Eine gelungene Inszenierung, die das Publikum bestens unterhielt. Die typisierten Figuren hatten Kanten und Persönlichkeit, Molieres Sprache wurde mit Humor und Leben gefüllt. Lob auch für gelungene Tempowechsel und viel Situationskomik. Lautstarker Applaus. Es glänzten auch: Luisa Klodt, Michael Rautenberg und Jan Hempel (2. Semester).

Von Steve Kuberczyk-Stein

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