Das Junge Theater in Göttingen zeigt Werner Schwabs „Die Präsidentinnen“

Ein Mikrofon für Träume

Intensives Zusammenspiel: Sonja-Elena Schroeder (Erna, von links), Anne Düe (Mariedl) und Henrike Richters (Grete). Foto:  Eulig

„Manchmal macht dir das Leben einen dicken Stuhl und manchmal einen dünnen.“ Mariedl

Göttingen. Wenn der Regisseur im Programmheft auf einer eng bedruckten Din-A-4-Seite erklärt, was seine Inszenierung eigentlich bedeutet, ist Skepsis angebracht. Eine Theateraufführung muss für sich selbst stehen können

Am Jungen Theater in Göttingen hat sich Gernot Grünewald (33) „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab vorgenommen und aus dem deftigen 1990er-Jahre-Stück, das sich vornehmlich um Darmentleerungen dreht, postmodernes Theater gemacht.

Wie schon in seinen JT-Inszenierungen von „Antigone“ und „Mutter Afrika“ arbeitet Grünewald (auch Ausstattung) mit Telepromptern, von denen die Schauspielerinnen ablesen, mit Videoprojektionen und textlicher Dekonstruktion. Bei der gut gefüllten Premiere am Donnerstagabend gab es freundlichen Applaus.

Die „Präsidentinnen“-Zerlegung funktioniert szenenweise besser, als es die Erklär-Sorge der Theaterleitung vermuten lässt. Besonders am Anfang und Ende geht das überfrachtete Konzept aber nicht gut auf.

Drei Putzfrauen aus kleinstbürgerlichem Milieu mit Kittelschürze und Kaffeewärmerperücke sitzen beim Fernsehen zusammen und träumen vom besseren Leben. Grünewald zeigt, wie aus den Schauspielerinnen Anne Düe, Henrike Richters und Sonja-Elena Schroeder die Figuren Mariedl, Grete und Erna entstehen, wie die Darstellerinnen mit Hilfe der Sprache in sie hineinschlüpfen. Deshalb lässt er den Text von Fernsehern ablesen und alle Regieanweisungen mitsprechen. So weit, so selbsterklärend.

Dass dann am Anfang aber unentwegt (und ohne inhaltlichen Grund) so geschrieen werden muss, dass man Blutdrucktropfen reichen will, ist zu viel. Das wirkt wie ein Proben-Gag, von dem man sich nicht trennen mochte.

Wenn Düe, Richters und Schroeder im Mittelteil ihre Figuren träumen lassen, entstehen die stärksten Momente. Hier funktioniert die perspektivische Brechung, die drei stehen mal weit hinten vor einer Kamera, die ihre Gesichter auf Stellwände projeziert, sprechen mal in Mikros, mal werden Infos auf Papptafeln geschrieben.

Bei Erna geht es um Selchfleischbrötchen, bei Grete um die fleischliche Liebe und Mariedl träumt vom Wühlen in immer noch mehr warmen, weichen Exkrementen. Schnell eskaliert dann alles in einer Prügelorgie. Aus dem tristen Alltag wächst der sinnliche Traum, daraus die Gewalt.

Düe, Schroeder und Richters spielen toll zusammen, geben den Figuren eine große Bandbreite an Ausdruck, machen die Perspektiv-Brechungen deutlich, wenn sie sich zwischendurch mit ihren richtigen Vornamen ansprechen.

Bis noch eine Verschachtelungsebene eingeführt wird (warum?). Alle Aktionen verstummen, die Figuren sehen angeblich einem Theaterstück namens „Die Präsidentinnen“ zu. Das erklärt eine Off-Stimme. Und im TV flackert der Shoppingkanal. Auch noch Medienkritik. Das ist eindeutig zu viel.

Wieder heute, 15., 24.3., Karten: 0551-495015.

Von Bettina Fraschke

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