„Money Money Money“: Das Junge Theater in Göttingen zeigt eine Revue um Kapitalismus und Revolution

Milchmann trifft auf Heavy Metal

Enthusiastisch dabei: Linda Elsner (von links), Karsten Zinser, Jan Reinartz und Peter Christoph Scholz. Foto: Heise

Göttingen. Was verbindet den Milchmann Tewje aus dem Musicalklassiker „Anatevka“ mit Gitarrenwänden des Heavy Metal und treibendem Deutsch-HipHop? Ein hundertminütiger Bühnen-Brückenschlag: Am Jungen Theater in Göttingen begaben sich sechs Ensemblemitglieder und eine vierköpfige Band auf eine musikalische Reise in die Themenwelt von Kapitalismus und Revolution.

Die Premiere der Revue „Money Money Money“ von Milena Paulovics und Fred Kerkmann wurde am Samstag im ausverkauften Haus (es hatte sogar eine Ticket-Warteliste gegeben) euphorisch und mit Fußtrampeln beklatscht. Beim Zugabenblock wurde im Saal mitgeschwoft.

„Ich wär so gerne Millionär“ / „Du liebst ihn nur, weil er ein Auto hat, und nicht wie ich ein klappriges Damenrad“ / „I Need A Dollar“ / „Wenn ich einmal reich wär“ / „Vorwärts und nicht vergessen“ / „Must Be Funny In The Rich Man’s World“: Der Abend ist eine große Song-Collage. Ein übergreifender dramaturgischer Bogen wurde in diesem Moneten-Potpourri, das ohne Sprechtexte arbeitete, aber kaum erkennbar. Da die Kapitalismuskritik überwog, fehlten auch inhaltliche Reibungsflächen. Die kleinen Übergänge zwischen den Songs, Musikstilen und Sängern rückten desto mehr in den Fokus – und wurden schön und stimmig gelöst. In einer Kneipenszenerie aus Bar, Daddelautomat und Urinal (Ausstattung: Susanne Ruppert) wurde gebechert, gezockt, slapstickmäßig geprügelt und malocht.

Die Band saß auf einem Podest im Hintergrund stilecht vor dem Glitzervorhang. Unter Leitung und mit den Arrangements von Fred Kerkmann hatte sie phasenweise mit einem scheppernden Sound zu kämpfen, „Money, Money, Money“ von Abba ging so zu Beginn jede Eleganz ab, mit stampfendem Beat erinnerte der Titel mehr an einen Karnevalsmarsch.

Gemeinsamer Ensemble-und Band-Höhepunkt wurde dann später „The Robots“ von Kraftwerk mit dem elektronischen Klangbild und einer tollen Roboter-Choreografie.

Die Sänger glänzten auch solistisch: Linda Elsner etwa mit Tracy Chapmans „Talkin ’Bout A Revolution“ und Gitte Haennings „Ich will alles“, Eva Schröer im Astronautengewand mit dem poetischen „Lied von der Erde“ des im KZ ermordeten Jura Soyfer. Agnes Giese blieb als stiller Rosenverkäufer im Hintergrund.

Karsten Zinser im taubenblauen Anzug gab der Metallica-Ballade „Nothing Else Matters“ unwiderstehlichen Stimmschmelz und rockte mit Mick-Jaggerschem Sexappeal in „You Can’t Always Get What You Want“. Der quirlige Peter Christoph Scholz mit Ringelpulli war der Deutschpop-Meister mit „Millionär“ von den Prinzen und „Zu spät“ von den Ärzten.

Und Jan Reinartz im Feinripp-Unterhemd überzeugte als Rapper bei „Alle gegen alle“ von Ohrbooten, aber auch in den großen Fußstapfen einer Gesangs-Ikone wie Rio Reiser, dessen feine Brüchigkeit in der Stimme er beim Schlusstitel „Der Traum ist aus“ aufgriff und damit eine Hundert-Euro-Portion Gänsehaut-Feeling hervorrief.

Wieder am 12., 19., 27. Februar, Karten: 0551-495015.

Von Bettina Fraschke

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