Newcomer waren Gewinner des Abends

Milky Chance: Auch ohne Echo Sieger – Der Musikpreis im Protokoll

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Milky Chance

Das Kasseler Pop-Duo Milky Chance ist leider leer ausgegangen bei der Echo-Verleihung. Den Kritikerpreis gab es bereits am Vorabend für DJ Koze und dessen wunderbares Elektronik-Album „Amygdala“ und nicht für „Sadnecessary“. Auch in den anderen beiden Kategorien, in denen die Nordhessen nominiert waren, mussten sie anderen den Vortritt lassen.

Trotzdem waren die Newcomer Gewinner des Abends in der Berliner Messe. Matthias Lohr hat die Verleihung des wichtigsten deutschen Musikpreises protokolliert.

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20.15 Uhr:  Moderatorin Helene Fischer kündigt den Echo als „den wichtigsten Musikpreis Europas“ an. Ob sie das im Rest Europas auch so sehen? Die Brit Awards werden in jedem anderen Land wahrgenommen. Vom deutschen Echo kann man das nicht behaupten.

20.18 Uhr: Helene Fischer moderiert nicht nur, sie ist auch für drei Echos nominiert. Und sie singt auch noch: „Atemlos“ heißt der erste Song des Abends, eine Mischung aus Schlager, Britney-Spears-Choreografie und Ballermann. Wie gut, dass der Echo nicht in England übertragen wird. Die Briten müssten denken: Die Deutschen spinnen.

20.22 Uhr: Milky Chance haben ihren ersten großen Auftritt. Max Raabe präsentiert die Nominierten in der Kategorie „Newcomer national“. Als er Clemens Rehbein und Philipp Dausch aus Kassel vorstellt, gibt es zum ersten Mal Szenenapplaus in der Halle. Würden die Zuschauer in der Halle abstimmen, wären Milky Chance die Sieger des Abends. Anschließend applaudieren die beiden Nordhessen für Adel Tawil, der seinen ersten Solo-Echo entgegennimmt. Der Sänger des Duos Ich + Ich ist es fast ein bisschen peinlich: „So richtig Newcomer bin ich ja auch nicht mehr.“

20.25 Uhr: Robbie Williams freut sich über seinen Preis in der Kategorie “Rock/Pop international” und entschuldigt sich per Videobotschaft, weil er Deutschland mit anderen Ländern betrogen habe und deshalb nicht in Berlin sei. Anschließend fragt er: „Willst du mich heiraten, Deutschland?“ Wer wird da schon „Nein“ sagen.

20.33 Uhr: Anna Loos stellt die „fünf tollen Frauen“ in der Kategorie „Künstlerin Rock/Pop national“ vor, die alle „Stil, Haltung und Klasse haben“, wie die Schauspielerin und Silly-Sängerin über Stars wie Annett Louisan und Judith Holofernes sagt. Gewinnerin wird Ina Müller, die selbsternannte „Fachfrau fürs Saufen, Singen und Sabbeln“, die ihren Triumph so versteht, dass der Pop nun in den Wechseljahren angekommen sei. Ihren Managern dankt sie, weil sie nicht mit ihnen schlafen musste. Ina Müller ist auf jeden Fall die lustigste deutsche Musikerin.

20.40 Uhr:  Helene Fischer macht mit einem alten Telefon ein Selfie von sich und The BossHoss. So richtig zündet die Pointe nicht. Fischer ist aber alle mal charmanter, souveräner und schlagfertiger als Markus Lanz. Warum kann sie nicht „Wetten, dass..?“ übernehmen?

20.42 Uhr: Supergeil: Friedrich Liechtenstein, der supercoole Typ aus der Edeka-Werbung, ehrt das Video des Jahres. Der Preis geht an die Kölner Komiker-Gruppe Y-Titty, deren drei Mitglieder mit lustigen Musik- und Filmparodien Youtube-Stars geworden sind. Selbst Milky Chance haben über die Y-Titty-Version ihres Hits „Stolen Dance“ schon gelacht. Wer von ihnen aufs Korn genommen wird, hat es geschafft.

20.46 Uhr: Max Raabe kündigt die kolumbianische Pop-Ikone Shakira als „rattenscharfe Pop-Nudel“ an. Wer moderiert diese Veranstaltung jetzt eigentlich? Hat sich Helene Fischer schon zum ZDF verabschiedet?

20.51 Uhr: Die Kategorie „Rock Alternative national“ ist der Witz des Jahres. Nominiert ist nicht nur die umstrittene Südtiroler Band Frei.Wild, auch die Scorpions gehen hier an den Start. Genauso gut könnte man einen Til-Schweiger-Streifen als besten Independent-Film auszeichnen. Gott sei Dank gewinnen die Sportfreunde Stiller. Sänger Peter Brugger sagt mit Blick auf die „ganz geile Nominiertenliste: Wir sind jetzt die Alternative für Deutschland.“ Ein schöner Seitenhieb auf Frei.wild, die gern in rechten Gewässern fischen. Schlagzeuger Florian Weber sagt anschließend noch ein paar Sätze auf Türkisch. Aber die meisten verstehen nur Spanisch. Ich auch.

20.55 Uhr:  Die Dankesrede von Tim Bendzko, der in der Kategorie „Künstler Rock/Pop national“ triumphiert, zeigt einmal mehr, warum der Echo so schlimm sein kann: wegen solcher abgelesener und uninspirierter Dankesreden.

21.05 Uhr: Shakira kündigt mit dem „Album des Jahres“ die „Königsdisziplin“ an. Nominiert sind unter anderem Andrea Berg und Helene Fischer. Ein bisschen ist es wie früher bei den Beatles und den Stones. Es gewinnt Helene Fischer, die für „Atemlos“ fünffach Platin bekommen hat. Was denkt wohl Shakira, wenn sie diese Musik hört?

21.09 Uhr: Jetzt kommt der Radio-Echo. Versteht jemand, was diese Kategorie soll? Egal. Die Hörer der ARD-Popwellen haben mehrheitlich für die Österreicherin Christina Stürmer abgestimmt. I werd narrisch.

21.20 Uhr: Smudo von den Fantastischen Vier lobt noch einen Sonderpreis aus: Den Helene-Fischer-Ähnlichkeitswettbewerb gewinnt Shakria, meint er. In der Kategorie „HipHop Urban national“ siegt Max Herre, ebenfalls ein altgedienter Rapper aus Stuttgart, der Heimat der Fantastischen Vier.

21.30 Uhr: Auch solche Geschichten gibt es im deutschen Pop: Das Frauen-Trio Elaiza stellt seinen Song „Is It Right?“ vor, mit dem es vor drei Wochen den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest gegen den turmhohen Favoriten Unheilig gewann. Wieso gibt es dieses Jahr eigentlich keinen Echo für den Grafen?

21.34 Uhr: Die Engländerin Birdie wird „Künstlerin Rock/Pop international“ und könnte auch Teenager des Jahres werden: Die Singer/Songwriterin wird im Mai erst 18.

21.40 Uhr: Die Fantastischen Vier feiern ihr 25. Bühnenjubiläum mit einem Rekord-Medley und spielen in 250 Sekunden 25 Hits. Wenn man böse wäre, könnte man sagen, den Fantas fällt nichts Neues mehr ein. Aber wie könnte man Smudo und Co. böse sein?

21.46 Uhr: Die Schweizerin Beatrice Egli wird Newcomer international und freut sich so sehr, dass sie dafür gleich noch einen Preis verdient hätte. „Der Schlager lebt“, jubelt die Gewinnerin von „Deutschland sucht den Superstar“ über ihr Genre. Ob das auch für Castingshows gilt, die jedes Jahr neue Talente verbrennen statt sie aufzubauen?

21.48 Uhr: Der Belgier Milow hat eigens ein neues deutsches Wort gelernt, um die Nominierungen in der Kategorie „Volkstümliche Musik“ anzukündigen. Immer wieder wiederholt er „volkstümlich“. Je öfter er das tut, desto deutlicher merkt man, wie bescheuert dieses Wort eigentlich ist. Anschließend halten die Sieger, die Seefahrer von Santiano, die längste Dankesrede in der Geschichte der Dankesreden. Manchmal wünscht man sich einfach eine Flaute.

21.54 Uhr: Die Schriftstellerin Sibylle Berg schaut ebenfalls die Echo-Verleihung und twittert: „Kategorie volkstümliche Musik. Läuft die nicht schon den ganzen Abend?“ Eigentlich schon.

21.57 Uhr:  Helene Fischer singt gemeinsam mit dem Briten James Blunt. Also, wenn ich mich als Musik-Fan zwischen Helene Fischer und Andrea Berg entscheiden müsste, würde ich mich für Helene Fischer entscheiden. Sie ist mehr wie die Stones.

22.02 Uhr: Der schwedische DJ Avicii landet mit „Wake Me Up“ den Hit des Jahres. Kann es wirklich sein, dass sich eine Single im vorigen Jahr öfter verkauft hat als „Get Lucky“ von Daft Punk? Unmöglich. Die Bundesregierung sollte einen Untersuchungsausschuss einrichten.

22.09 Uhr: Standing Ovations für die Rocklegende Peter Maffay, der für sein soziales Engagement mit dem sechsten Echo seiner Karriere geehrt wird. Kategorien gibt’s, unglaublich.

22.15 Uhr: Übrigens: In der Region kann man sich diesen Sommer auf zahlreiche Echo-Stars freuen. Die Sportfreunde Stiller rocken unter freiem Himmel vor dem Schloss Wilhelmsthal, Milow tritt im Wolfhager Kulturzelt auf, und Judith Holofernes sowie Milky Chance spielen im Kasseler Kulturzelt.

22.19 Uhr: Auch in der Kategorie Schlager gewinnt Helene Fischer. Der mexikanische Tenor Rolando Villazón nennt das Multitalent eine „große Künstlerin“. Ist sie nicht eher eine große Interpretin? Bei ihren Auftritten wird sie immer dann besonders bejubelt, wenn sie die Hits von anderen singt und nicht ihre eigenen Lieder. Fischer hat jetzt schon acht Echos insgesamt, zwei mehr als Peter Maffay. Ist das gerecht?

22.25 Uhr: Mit Kylie Minogue tritt ein weiterer Superstar auf. An großen Namen mangelt es in Berlin nicht.

22.28 Uhr: Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt werden mit ihrem Pro-7-Format „Circus Halligalli“ als „Partner des Jahres“ prämiert. Das ist ja wohl die halligalligste Kategorie, die man sich ausdenken kann.

22.34 Uhr: Sir Bob Geldof würdigt Die Toten Hosen als „eine der besten Rock’n’Roll-Bands der Welt: Die Briten haben die Stones, die Amerikaner Bruce Springsteen und die Deustchen Die Toten Hosen“. Das ist das schönste Lob des Jahres. Die Düsseldorfer, die im vorigen Jahr auch den Kasseler Hessentag gerockt haben, werden als bester Live-Act ausgezeichnet.

22.41 Uhr: In der dritten und letzten Kategorie gehen Milky Chance ebenfalls leer aus: Das Kasseler Duo muss in der Kategorie „Gruppe Rock/Pop national" der Berliner Band The BossHoss den Vortritt lassen.

22.48 Uhr: Auch in der Kategorie „Crossover“ hätten Milky Chance nominiert werden können. Denn was ist ihr grenzenloser Stil, der in keine Schublade passt, sonst? Stattdessen wird die tanzende US-Geigerin Lindsey Stirling ausgezeichnet.

22.53 Uhr: Das Beste kommt zum Schluss: Max Herre und der US-Souljazzer Gregory Porter singen gemeinsam. Der erste Gänsehautmoment des Abends.

23.00 Uhr: Das Schweizer Duo Yello wird für sein Lebenswerk geehrt. Ein Freund fragt mich per SMS, wieso Dragoslav Stepanovic ausgezeichnet wird, der ehemalige Fußballtrainer von Eintracht Frankfurt. Er meint Dieter Meier, die eine Hälfte der Züricher Elektronikpioniere. Ich antworte: „Ist nicht schlimm. Lebbe geht weider.“

23.15 Uhr: Helene Fischer verabschiedet sich vom Bambi, eine Anspielung auf ihren Versprecher dort, wo sie sich einst beim Echo wähnte. Echo oder Bambi? Hauptsache keine Goldene Kamera. So schlimm war die Musikpreis-Verleihung dann irgendwie doch nicht, aber eine Sternstunde war es halt auch nicht. Am Ende hat Fischer eine Viertelstunde überzogen. Sie sollte das erwähnen, wenn sie sich beim ZDF als Lanz-Nachfolgerin bewirbt.

Von Matthias Lohr

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