Duo gab Konzert in Kassel

Milky-Chance-Fans im Kulturzelt aus dem Häuschen

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Sie verstehen sich blind: Clemens Rehbein (Gitarre und Gesang, links) und Philipp Dausch (DJ Set) sind Milky Chance. Fotos: Schachtschneider

Kassel. Paulina dürfte sich wie im siebten Himmel gefühlt haben. Am Ende des eindrucksvollen Milky-Chance-Gastspiels Donnerstagabend im ausverkauften Kasseler Kulturzelt gibt es Johlen, Pfiffe – und Rufe auch für die 17-jährige Schülerin der Kasseler Jacob-Grimm-Schule.

Paulina Eisenberg hat den mit dreieinhalb Stunden langen, aber kurzweiligen ersten von zwei Festivalabenden des Milky-Chance-Labels Lichtdicht mit fulminanter Soul-Stimme und einer Band ohne Namen eröffnet. Später bittet das Duo sie auf die Bühne.

Auf der Leinwand im Hintergrund blinkt das Firmament, mit Sänger Clemens Rehbein liefert sich Paulina ein tolles Duett, aufs Schönste ergänzt durch Antonio Gregers phänomenalen Auftritt an der Mundharmonika. Er hat anfangs in Paulinas Band Gitarre gespielt. Auch das bunt gemischte Publikum darf sich wie auf Wolke sieben fühlen.

Als Folk-Pop-Duo werden Milky Chance gehandelt, ihr sensationelles Erfolgsalbum „Sadnecessary“ strahlt abgeklärte Lässigkeit aus. Gelassen, chillig, präsentieren sich die verstrubbelten Jungs auch im Kulturzelt – so sehr, dass einer „zu langsam“ ruft, als Rehbein seelenruhig seine Gitarre einstellt. Das Songmaterial, von Philipp Dausch als Tausendsassa an Laptop und Tasten mit einem unerschöpflichen Arsenal ausgetüftelter Beats und Klänge angereichert, bietet aber mehr als eingängige, leichte Gute-Laune-Songs zum Mitwippen und Tanzen: Milky Chance präsentieren sich ruppig, kraftvoll, voller Wucht.

Als auf der Leinwand sachte zu Boden sinkende Federn zu sehen sind, geht es davor ganz anders zur Sache. Rehbein tritt als exzellenter, rasend schneller Gitarrist in Erscheinung. Seine Stimme klingt rau, als müsse man um sie Sorge haben. Wegen seiner Stimmbandentzündung hatten Milky Chance ein paar Auftritte absagen müssen.

„Ganz viele neue Lieder, damit es nicht so langweilig wird“, hat Rehbein angekündigt. Die kommen gut an, so richtig tobt das Zelt aber natürlich am Ende, bei den Hits „Stolen Dance“ und „Down By The River“. Die beiden 21-Jährigen, konzentriert, geradezu selbstvergessen, verstehen sich blind - beinahe im Wortsinn. Wenig Licht erhellt die Bühne, im Dunkeln lässt sich’s eben gut munkeln. Denn im Austausch mit dem Publikum ist das dezente Auftreten der großartigen Songtüftler ausbaufähig. Dausch sagt zu Beginn einmal „naaa?!“ und danach praktisch gar nichts mehr. Rehbein macht vernuschelte Ansagen („Kassel is’ ja unser Zuhause, danke fürs Kommen“), muss nach einem Zuruf versichern: „Klar Mann haben wir Spaß“.

Wobei Milky Chance nach einer langen Europatournee in jedem Moment erfahren, selbstsicher, ja bisweilen ausgebufft wirken. Wie anders war Paulina auf die Bühne gekommen - bis sich ihre Scheu nach dem ersten Beifall in einem befreiten Lächeln löste.

„Geil, noch eine Vorband“, fand ein Zwölfjähriger, als könne er gar nicht genug kriegen, als das Elektro-Trio Pupkulies & Rebecca seinen Klangteppich mit französischsprachigen Stücken von den Kapverden ausgelegt hatte und in einer Pause für Kafka Tamara aufgebaut wurde. Die keyboard-dominierte Band um die junge Sängerin Emma Dawkins klang mit düster-versponnenen Titeln, als würde sie mit Vorliebe The Cure hören. Dann wurden Milky Chance herbeigeklatscht.

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