Minutenlanger Applaus für Tanztheater „Eternal Prisoner“ im Kasseler Schauspielhaus

Sie präsentieren sich auf der Bühne des Lebens: Mitglieder des Tanzensembles des Kasseler Staatstheaters in Johannes Wielands Inszenierung. Alle Fotos: Klinger/Staatstheater Kassel/nh

Kassel.  Es sind viele Worte, die einem nach dem tief bewegenden Tanzabend „Eternal Prisoner" am Kasseler Staatstheater einfallen. Kontaktaufnahme. Vereinzelung. Loslassen. Fallen. Einsamkeit. Kälte. Zweisamkeit. Distanz. Wahnsinn. Verzweiflung. Rastlosigkeit. Zweifel. Abwehr.

Es geht um das Innere. Reines Gefühl. Gedanken, ausgelöst von einer Radikalität des modernen Tanzes, des Ausdrucks.

Sich einfach nur bequem im Theatersessel zurücklehnen und genießen, das funktioniert bei den beiden Inszenierungen von Tanzdirektor Johannes Wieland und Gast-Choreograf Tom Weinberger am Samstagabend im Schauspielhaus nicht. So unterschiedlich die Stücke „You will never be my number one fan“ von Wieland und „Segments on notes“ von Weinberger auch äußerlich sind, so haben sie doch eine gemeinsame Basis: den Aufruhr der Gefühle, innere Zerrissenheit. Liebe (auch zu sich selbst) erweist sich bei ihnen als ein ständiges Zusammenkommen und wieder Auseinandergehen.

Die grelle Welt

Spot an: Eine kleine Bühne auf der großen Bühne. Darauf präsentieren sich die neun Tänzer in Wielands Inszenierung. Eine ekstatische und grelle „Mir-geht’s-gut-Welt“ lassen sie entstehen, sagen ins Glitzermikrofon, dass sie sich frei und großartig fühlen und bewegen sich dazu rabiat und kraftvoll, manchmal wie ferngesteuerte Roboter in beige-roter Einheitskleidung. Und wirken hinter dem schrillen Lachen und unter ihren Perücken doch traurig. Verloren. Gefangen. Tanzen sie nicht zappelnd im Scheinwerferlicht, halten sie sich zum dichten, oft düsteren Sound, im Hintergrund auf. Beobachtend, in der Bewegung innehaltend, aufeinander zielend, kletternd. Tiefe und Widersprüche entstehen: Da strebt der Kopf in eine Richtung, den Körper aber zieht es woanders hin. Staccato-Bewegungen und Slow-Motion-Szenen wechseln. Voller Irrwitz und feinem Humor die Playback-Szene zum Bee-Gees-Klassiker „Islands In The Stream“. Darin geht es um zärtliche Liebe. Was man hört, könnte dem, was man sieht, ferner nicht sein - maskenhafte Distanz.

Die Poesie der Körper

Bewegender Auftritt: Zoe Gyssler und Luca Ghedini im Stück von Tom Weinberger.

Wieland lässt die Tänzer die Poesie in einer hell beleuchteten und doch dunklen Welt zerlegen, der israelische Gast-Choreograf Weinberger schafft mit ihnen kurz darauf eine Poesie der Körper. Die Spannung geht in dem deutlich kürzeren Stück nie verloren. Besonders eindrucksvoll das schlichte, weiße Bühnenbild. Vereinzelt hängen Glühbirnen herab (Bühne: Momme Röhrbein). Ein Klavier, daran Donato Deliano, der nach und nach einzelne Töne von Johann Sebastian Bach (Partita Nr. 4 BMV 828) und von Matan Daskal anschlägt. Dazwischen: Stille. Jedes Räuspern, jedes Husten im Saal stört die Sinne beim Wahrnehmen. 

Verbunden: Shafiki Sseggayi und Alessia Ruffolo in Tom Weinbergers Inszenierung.

Bewegung, Ausdruck, mimische und gestische Darstellung lassen ganz unterschiedliche, intime Momente der Zweisamkeit entstehen. Pein und Glück. Kraftstrotzende, klammernde, einengende und schüchterne Posen. Barfuß, mit nur zwei Schritten lösen die in Shorts und lässige Hemden (Kostüme: Angelika Rieck) gekleideten Tänzer solche szenischen Spots auf. Machtverhältnisse werden bewusst. Hochsensible, zerbrechliche emotionale Zustände - ausdrucksstark getanzt, mit befreiendem Ende.

Minutenlanger, stürmischer Beifall für die Inszenierungen - der bislang wohl längste Premierenapplaus in Wielands zehnjähriger Amtszeit als Tanzdirektor in Kassel.

Es tanzten: Cree Barnett Williams, Zoe Gyssler, Gotaute Kalmataviciute, Alessia Ruffolo, Luca Ghedini, Safet Mistele, Victor Adrian Marinus Andreas Rottier, Shafiki Sseggayi, Sebastian Zuber.

Nächste Vorstellungen: 7.12., 16.12., 19.30 Uhr, Schauspielhaus. Karten: 0561/1094222

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