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Interimschef Ferdinand von Saint André nimmt Kurs auf die documenta 2027

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Stellt erste Weichen für die 16. Weltkunstschau: Ferdinand von Saint André, neuer Interimsgeschäftsführer der documenta, in seinem Büro im Fridericianum.
Stellt erste Weichen für die 16. Weltkunstschau: Ferdinand von Saint André, neuer Interimsgeschäftsführer der documenta, in seinem Büro im Fridericianum. © Mark-Christian von Busse

Ferdinand von Saint André zählt zurzeit noch seine Arbeitstage in Kassel. Gerade erst hat er seine Tätigkeit als Interimsgeschäftsführer der documenta und Museum Fridericianum gGmbH aufgenommen. Der 50-Jährige ist auf Alexander Farenholtz gefolgt, der im Juli kurzfristig eingesprungen war, als Sabine Schormann im Zuge der Antisemitismus-Debatte als Generaldirektorin abgelöst worden war.

Kassel – Von Saint-André war bis 2014 Justiziar bei der Kulturstiftung des Bundes in Halle an der Saale, sein Vorgänger Verwaltungsdirektor. „Er ist ein großer Fürsprecher der documenta“, sagt von Saint André über Farenholtz, „seine Begeisterung hat mir immer eingeleuchtet.“ Schon in Halle hatte von Saint André mit der documenta zu tun: Er saß mit am Tisch, als der Künstlerische Leiter Roger M. Buergel sich vor der d12 vorstellte, er hat den Vertrag für die Förderung der d13 aufgesetzt.

Sein Einsatz in Kassel ist bis Ende März begrenzt – zumindest zunächst. Der 50-Jährige jedenfalls schließt eine Verlängerung nicht aus. Die Befristung leuchtet ihm ein – als Phase des Kennenlernens: Von Saint-André will bald alle Mitglieder des documenta-Aufsichtsrats besuchen.

Für die Abwicklung der d15 könne er sich auf das „tolle Team“ verlassen. Die kommenden Monate aber seien, nach einer „Phase des Verschnaufens“, eine Zeit wichtiger Weichenstellungen. Der künstlerischen Leitung der nächsten Weltkunstschau sollen wieder dreieinhalb Jahre zur Vorbereitung zur Verfügung stehen, sie müsste also Anfang 2024 berufen werden. „Das Thema Findungskommission steht an“, traditionell macht die Geschäftsführung Vorschläge, die der Aufsichtsrat absegnet. Bei allen Verfahrens- und Strukturfragen, die bedacht werden, dürfe die Freiheit der Ausstellung nicht angetastet werden – da stimmt er mit Farenholtz überein. Die documenta sei „durchgeschüttelt“ worden, es habe sich mit der Debatte um Antisemitismus und die Israel-Boykottbewegung BDS entladen, was als Thema in der Luft lag. Das gelte es auf verschiedenen Ebenen aufzuarbeiten: „Aber es geht neu weiter.“ Es gelte, bei aller notwendigen Rückschau, Kurs zu nehmen auf die d16.

Ferdinand von Saint André ist promovierter Jurist, aber ein roter Faden seiner Berufsbiografie ist das Interesse an Kultur. Seine völkerrechtliche Doktorarbeit beschäftigte sich mit der Rahmenkonvention des Europarats zum Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft. Seine erste Stelle war die des Rechtsreferenten beim Berliner Senat für Bühnen, Orchester und Tanz. Es war die Zeit, als die Opernhäuser der Hauptstadt in eine gemeinsame Stiftung überführt wurden.

Seine größte Aufgabe in Halle war, den Neubau der Bundeskulturstiftung zu betreuen, der sich in das historische Areal der Franckeschen Stiftungen einfügt – vom Ideenwettbewerb bis zur Eröffnung mit Angela Merkel. Die Mischung aus Großraumbüros, Besprechungsräumen und „Mönchszellen“ festzulegen sei ein spannender Prozess gewesen.

Als der Bau bezogen war, suchte von Saint André eine ähnliche Herausforderung beim Projekt einer europäischen Schule in Templin (siehe Kasten).

Das historische Gebäudeensemble des Joachims-thalschen Gymnasiums kannte er durch den Verein für Kunst- und Kulturförderung, den er schon als Schüler mitgegründet hatte. Mit Arbeitseinsätzen im Sommer kümmerten sich die jungen Leute nach der Wiedervereinigung um in Ostdeutschland vernachlässigte, denkmalgeschützte Gebäude.

Seit seiner Zeit in Halle weiß von Saint André, dass die RZ Bau – die „Richtlinien

für die Durchführung von Zuwendungsbaumaßnahmen“ – 30 Quadratmeter für ein Direktoren-Büro vorsehen. Sein neues im Fridericianum jedenfalls ist viel kleiner. Hundedame Amsel fühlt sich dort trotzdem wohl. „Sie ist eine kleine Europäerin“, erzählt er – eine Mischung aus einem English Springer Spaniel und einem deutschen Cocker. Amsel ist nach Kassel mitgekommen, seine Familie in Berlin sieht er zurzeit nur an den Wochenenden.

Zur Person

Dr. Ferdinand von Saint André (50) in Hildesheim geboren, in Oldenburg aufgewachsen, hat am Internat Kloster Ettal in Bayern Abitur gemacht. Nach zwei Jahren Bundeswehr, wo er Russisch lernte, folgten Jurastudium, Referendariat und Promotion in Heidelberg, Berlin und Tübingen. Von Saint André war unter anderem Justiziar und Leiter der Vertragsabteilung der Kulturstiftung des Bundes in Halle/Saale sowie Geschäftsführer bei der Stiftung Gebäudeensemble Joachims-thalsches Gymnasium Templin. Er ist verheiratet und Vater dreier Kinder zwischen drei und acht Jahren. 

HINTERGRUND

Das Joachimsthalsche Gymnasium in Templin

Das Joachimsthalsche Gymnasium war die 1607 von Kurfürst Joachim gegründete erste Landesschule in Brandenburg, erzählt Ferdinand von Saint André. Sie heißt so, weil sie zeitweilig im Jagdschloss des Kurfürsten in Joachimsthal untergebracht war, später auch in Berlin. 1912 bezog sie ein Gebäudeensemble in Templin. Sie bestand bis 1945, wurde dann Institut für Lehrerbildung in der DDR. Später übernahm ein Berliner Investor das Areal. Von Saint André war in einem Förderverein engagiert und sechs Jahre lang Geschäftsführer einer Stiftung, die die Gebäude sanieren und als Europäische Schule Templin mitsamt Internat reaktivieren möchten: als 100-Millionen-Euro-Projekt eine „unglaubliche Sanierungsaufgabe“, so Saint André, die mit den ersten Bauabschnitten bereits begonnen hat. Der Bund hat 30 Millionen Euro zugesagt, zu den Förderern zählt die Stiftung von Henrike Reemtsma. Ziel ist, dass in einigen Jahren 450 Schüler aus ganz Europa in der Uckermark unterrichtet werden – „Menschen, die sich sonst nie begegnen würden“ – und als Europäer von morgen eine Brücke zwischen Ost und West schlagen. Infos: est.de

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