„Mit elf Diven geht es nicht“: Dichter Moritz Rinke über Fußball und Politik

+
Schoss 50 Tore in 51 Spielen: Moritz Rinke, Stürmer der Autorennationalmannschaft.

Der Schriftsteller und Hobby-Fußballer Moritz Rinke leidet gerade an der ersten schweren Verletzung seiner Karriere: Der Rekordtorschütze der Autorennationalmannschaft zog sich einen Bänderriss im Knie zu.

Wir unterhielten uns mit dem 44-Jährigen anlässlich seines gerade erschienenen Buches „Also sprach Metzelder zu Mertesacker ...“. Die sehr vergnüglichen Texte handeln von den Helden des Sports wie der Lichtgestalt Franz Beckenbauer, den Rinke während des Pokalfinals auf dem Klo im Berliner Olympiastadion traf. Der Kaiser hinterließ die Toilette in einem so angenehmen Zustand, dass sich Rinke sogar auf den Brillenrand setzte.

Herr Rinke, in Ihrem Buch geht es oft um Sport und Politik. Deshalb müssen wir zunächst fragen: Sollte man die EM in der Ukraine boykottieren?

Moritz Rinke: Ich finde einen politischen Boykott richtig, solange er glaubwürdig erscheint. Dafür hätte er aber früher kommen müssen, denn Julija Timoschenko ist ja schon seit einem Jahr im Gefängnis - und andere Politiker der früheren Regierung, die immer vergessen werden, sind es noch viel länger. Für Deutschland und die EU ist es sehr einfach, in der Ukraine Menschenrechte einzufordern, weil wir wirtschaftlich kaum etwas von diesem Land brauchen. Wieso sollte es sonst möglich sein, dass unsere Bundeskanzlerin mit dem chinesischen Ministerpräsidenten die Hannover-Messe abschreitet, gleichzeitig aber den Boykott der Ukraine erwägt?

Ihre ukrainischen Kollegen haben Sie gerade mit Ihrer Elf zum Spiel nach Berlin eingeladen. Es ist schon komisch: Früher gründeten Schriftsteller die Gruppe 47, heute treffen sie sich zum Kicken.

Rinke: Die Grundgedanken von früher setzen wir aber auf spielerische Art und Weise fort. Die Gruppe 47 hat sich in Eitelkeiten und hitzigen Debatten erschöpft, weil es meist so ist: Drei Schriftsteller treffen sich, und schon sind es zwei zu viel. Bei uns ist der Fußball das Ventil. Der Fußball hat nicht nur die Kraft, Licht auf die Verhältnisse in der Ukraine zu werfen. Er hat sogar die Kraft, Schriftstellern ihren Narzissmus für 90 Minuten auszutreiben, denn mit elf Diven auf dem Platz geht es nicht. Auf unsere Initiative hin sind etwa Autorennationalmannschaften in Israel und der Türkei entstanden.

Im Buch erzählen Sie, wie Sie mit der Elf von Hertha BSC im Flieger sitzen. Hat der Stürmer und heutige Manager Michael Preetz wirklich die gesamte „Literarische Welt“ gelesen?

Rinke: Ja, die Profis von heute sitzen nicht mehr den ganzen Tag an der Playstation. Schalkes Christoph Metzelder etwa, mit dem ich gerade ein Dramolett für das Hörbuch eingelesen habe, hat sehr viel Sinn für Nuancierungen. Früher haben sich die Kulturleute am Fußball abgearbeitet, aber die Liebe ist nicht zurückgeflossen. Mittlerweile hat sich der Fußball geöffnet. Der Trainer Hans Meyer lebt beispielsweise mit einer Dramaturgin zusammen, die meine Stücke am Theater in Nürnberg betreut hat. Ich hatte meine Mitarbeiterin einst zu ihm geschickt. Sie sollte fragen, ob er ins Theater kommt.

Wann hat das begonnen, dass die Intellektuellen den Arbeitersport für sich entdeckten?

Rinke: Ich glaube, dass es schon immer so war. Joseph Beuys soll Günther Netzer Anfang der 70er sogar eine Professur an der Düsseldorfer Kunstschule angeboten haben. Er war ein großer Fan von ihm. Vor einigen Jahren habe ich Netzer danach gefragt. Da hat er gesagt: „Mit Düsseldorf hat es nie Verhandlungen gegeben.“ Er dachte wohl, Beuys sei der Manager der Fortuna. Heute würde er es natürlich mitkriegen, wenn ein Schriftsteller ein Buch über ihn schreibt.

In einem Text vergleichen Sie Helmut Kohl und Berti Vogts: Beide waren unfähig zur Modernisierung. Welcher Fußballtrainer wäre Angela Merkel? Felix Magath? Beide verschleißen ähnlich viel Personal.

Rinke: Das ist ein guter Vergleich. Merkel ist eine gute Pragmatikerin. Sie wendet sozialdemokratische Modelle an, die kein Links und Rechts mehr kennen. Und auch Magath ist ein Ingenieur des Machbaren. Aber Merkel ist netter als Magath. Wenn ich mit Spielern spreche, die bei Magath trainiert haben, dann würde ich lieber bei Merkel trainieren.

Moritz Rinke: Also sprach Metzelder zu Mertesacker ... Lauter Liebeserklärungen an den Fußball. Kiepenheuer & Witsch, 200 Seiten, 7,99 Euro. Wertung: vier von fünf Sternen

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.