Interview: Schauspieler Moritz Bleibtreu über Schwierigkeiten deutscher Filme

Moritz Bleibtreu im Interview: „Mit Heldenfiguren ein Problem“

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Er rannte mit Lola durch Berlin und schlüpfte in „Der Baader-Meinhof-Komplex“ in die Rolle des Andreas Baader: Wenn ein deutscher Film für Gesprächsstoff sorgt, mischt häufig Schauspieler Moritz Bleibtreu mit.

In Dennis Gansels Thriller „Die Vierte Macht“, der diese Woche anläuft, spielt Bleibtreu einen deutschen Journalisten, der in Moskau in eine Verschwörung gerät und im russischen Gefängnis landet.

Herr Bleibtreu, hatten Sie Bedenken, eine russlandkritische Rolle anzunehmen?

Moritz Bleibtreu: Nein. Jedes totalitäre Regime braucht immer bis zu einem gewissen Grade auch eine Opposition, um die eigene angebliche Offenheit und Toleranz zu unterstreichen. Man läuft also noch lange nicht Gefahr, erschossen zu werden, wenn man bestimmte Filme macht. Schauen Sie sich nur die repressive Politik des Iran an und die Filme, die dort gemacht werden. Russland ist offiziell eine Demokratie. Natürlich sind die Verhältnisse dort extrem und mit einem Land wie dem unseren nicht vergleichbar. Aber die Mechanismen als solche, die Vernetzung von medialer Macht und politischem Einfluss, funktionieren auf der ganzen Welt ähnlich.

Wird „Die Vierte Macht“ auch in Russland ins Kino kommen?

Bleibtreu: Ich gehe fest davon aus. Es ist ja auch nicht so, dass in Russland keine Kritik am eigenen Land laut wird. Natürlich schickt Herr Putin dann seine Gegendemonstranten auf die Straße. Aber selbst in einem Land wie Russland kann man heutzutage die Stimme des Volkes nicht komplett unterdrücken. Russland ist kein abgeschottetes Land wie Nordkorea.

Warum spielt ein deutscher Thriller in Russland? Gibt es nicht auch hierzulande viele wichtige Themen?

Moritz Bleibtreu mit Kollegin Kasa Smutniak in einer Szene aus "Die vierte Macht".

Bleibtreu: Das ist definitiv richtig. Es liegt sicher daran, dass uns nach wie vor ein Stück Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Deutschsein fehlt. Das deutsche Kino versucht seit etwa 15 Jahren, so etwas wie eine Identität, eine Mitte, ein gemeinsames Ausdrucksmittel zu finden. Im Bezug auf Genre-Filme hat das bis heute nicht so richtig funktioniert.

Woran liegt das?

Bleibtreu: Ein Genre ist immer eng mit einer Heldenstruktur verknüpft. Darauf sind wir durchs Hollywoodkino geprägt. Mit dieser Heldenfigur haben wir in Deutschland ein Problem, das hat viel mit kultureller Identität zu tun. István Szabó hat mal zu mir gesagt: „Die Amerikaner haben den Krieg gewonnen, sie machen Filme über Gewinner. Ihr Deutschen habt den Krieg verloren, ihr macht Filme über Verlierer.“ Da ist viel Wahres dran.

Ist man wieder froh, in Deutschland zu leben, wenn man einen Film wie diesen gemacht hat?

Bleibtreu: Ich gehöre überhaupt nicht zu den Leuten, die jammern. Bei uns jammern ja eigentlich alle immer gern. So bin ich auch groß geworden, ich wusste nie, wie ich mich Deutschland zugehörig fühlen sollte. Ich fand Deutschland doof, und alles war Scheiße. Ich bin dann ins Ausland gegangen und diese Zeit war für mich wie ein Katalysator. Als ich zurückkam, war mir klar, dass hier auf irre hohem Niveau gejammert wird. Viele Probleme machen wir uns selbst, weil man uns beigebracht hat, uns selbst nicht zu mögen. Von André Wesche

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