Interview: Nanni Moretti über seinen Vatikan-Film „Habemus Papam - Ein Papst büxt aus“

„Mit Ironie und Menschlichkeit“

Da hilft nur noch Psychotherapie: Der zu Rate gezogene Psychologe (Nanni Moretti) im Gespräch mit dem Papst (Michel Piccoli), das inmitten der Kardinäle nicht wirklich vertraulich sein kann. Foto:  Prokino/ nh

In seinem diese Woche anlaufenden Film „Habemus Papam“ lässt Autorenfilmer Nanni Moretti einen frisch gewählten Papst (Michel Piccoli) aus dem Vatikan ausbrechen, der vor der Verantwortung als oberster Hirte flüchtet und sich durch die Straßen Roms treiben lässt.

Ist der Vatikan ein besonders fruchtbarer Nährboden für eine Komödie?

Nanni Moretti: Zumindest für meine Art von Komödien. Meine Beziehung zur katholischen Kirche ist längst geklärt. Ich bin seit meiner Kindheit kein gläubiger Christ mehr. Ich fühle mich nicht in Konflikt mit der katholischen Kirche. Ich kann es mir leisten, nicht blasphemisch zu sein und meine Geschichte mit Ironie, aber gleichzeitig mit einer gewissen Menschlichkeit gegenüber den kirchlichen Würdenträgern zu erzählen.

Wie hat der Vatikan auf den Film reagiert?

Moretti: Ich habe nur wenige Kritiken von katholischen Zeitungen gelesen. Sie haben den Film mit Respekt zur Kenntnis genommen. Aber das Wichtigste war, dass nach dem Filmstart diejenigen verstummt sind, die über den Film diskutiert haben, ohne ihn zu kennen.

Wie haben Sie das Leben hinter den Kulissen des Vatikans recherchiert?

Moretti: Ich habe sehr viele Bücher gelesen, das Wahlverfahren im Konklave studiert und einige Dokumentationen angeschaut. Ich wollte einen glaubwürdigen Ausschnitt vom Leben im Vatikan mit all seinen Regeln und komplizierten Verfahrensweisen zeigen. In diesen realistischen Ausschnitt habe ich dann einen fiktionalen Papst, fiktionale Kardinäle und eine fiktionale Geschichte implantiert.

Für den Vatikan bekommt man wahrscheinlich keine Drehgenehmigung …

Moretti: Nein, eine Hälfte des Films wurde in Palästen aus dem 16. Jahrhundert in Rom gedreht, die andere Hälfte im Studio. Wir haben in Hallen des Filmstudios „Cinecitta“ eine sixtinische Kapelle aufgebaut sowie einen 25 Meter langen Ausschnitt von der Fassade des Petersdomes.

Ein Mann, der Angst hat vor der Macht, die ihm übertragen wird - das scheint in Ihrem Film eine vollkommen natürliche Reaktion zu sein. Sollten Männer mehr Respekt vor Machtpositionen haben?

Moretti: Mit einem Politiker oder einem Top-Manager hätte die Geschichte nicht so gut funktioniert. Ich wollte, dass sich viele Zuschauer mit der Angst vor der Macht identifizieren. Das ist die Geschichte eines Mannes, der nicht in der Lage ist, seine Zweifel auszublenden und den Schritt nicht machen kann zu diesem Amt, in dem er alle Katholiken auf der Welt vertreten muss.

Wie groß ist der Einfluss der katholischen Kirche heute in Italien?

Moretti: Auf die Bürger, ihre Lebensweise, ihre Prinzipien und Vorbilder hat die katholische Kirche gar nicht so einen großen Einfluss, auf die Politik hingegen schon. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Vatikan ein fremder Staat ist, der innerhalb Italiens existiert. Unsere Politiker schenken den Positionen der katholischen Kirche zu viel Aufmerksamkeit. Sie werden nicht als das gesehen, was sie sind: die Meinungen eines fremden Staates über einen anderen Staat.

Warum haben Sie Michel Piccoli mit der Rolle des kriselnden Kirchenoberhauptes betraut?

Moretti: Als Regisseur und Zuschauer mag ich Schauspieler, die sich nicht in den Figuren, die sie spielen, verlieren. Mit Michel Piccoli sieht man auf der Leinwand einen großartigen Schauspieler und eine interessante Filmfigur.

Von Martin Schwickert

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