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Mit Modulen und Kontrasten: Ausstellung zu Architekten Paul Posenenske in der Kunsthochschule

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Posenenske-Entwürfe: Eine Liege, eine Leuchte und ein Diaschrank in der neuen Ausstellungshalle der Kunsthochschule.
Posenenske-Entwürfe: Eine Liege, eine Leuchte und ein Diaschrank in der neuen Ausstellungshalle der Kunsthochschule. © Mark-Christian von Busse

Paul Posenenske ist als Architekt für den Bau der Kunsthochschule bekannt, nun wird sein Werk in einer Ausstellung dort beleuchtet.

Kassel – Alles begann in Breslau, dem heute polnischen Wroclaw. Als Zehnjähriger erlebte Paul Friedrich Posenenske (1919-2004) in seiner Geburts- und späteren Studienstadt, damals ein Zentrum des Neuen Bauens, 1929 die Ausstellung „Wohnen und Werkraum“. Sie brannte sich ihm tief ins Gedächtnis – weil sich ihm eine „ganz neue, wunderbar helle, intelligente und klare Welt“ offenbarte.

Das unmittelbare Erleben avantgardistischen Bauens – auch im neuen Maria-Magdalenen-Gymnasium, das Posenenske besuchte – beförderte seinen Entschluss, selbst Architekt zu werden.

Nach Entwürfen Posenenskes wurde 1968 der Nordbau der Kasseler Kunsthochschule fertiggestellt. Ein Jahr lang haben sich Studierende der Architektur und der Kunstwissenschaft jetzt mit Posenenske beschäftigt, zur Standortfrage, Entstehung und Gestaltung seines Gebäudes für Ateliers, Werkstätten, Hörsaal und Bibliothek an der Menzelstraße geforscht.

Die Recherchen sind eingeflossen in eine umfassende, absolut professionell gestaltete Präsentation in der neuen Ausstellungshalle der Kunsthochschule, die in die Freifläche in Poseneskes U-förmigem Bau platziert worden ist. Die Schau zeigt Skizzen, Entwurfspläne, Fotografien und andere Dokumente aus Posenenskes Nachlass, aus dem Kasseler Stadtarchiv, dem Hessischen Landes- und dem Bundesarchiv und aus den „Kellern und Nischen der Kunsthochschule“, wie die betreuenden Professoren Alexis Joachimides (Kunstwissenschaft) und Philipp Oswalt (Architekturtheorie und Entwerfen) berichten. Die Ausstellung ist auch ein Beleg dafür, dass selbst für eine junge Universität wie die Kasseler die Einrichtung eines Archivs als eigenes Gedächtnis zwingend erforderlich ist.

Die Ausstellung informiert einleitend über Posenenskes Tätigkeit nach dem Zweiten Weltkrieg als Regierungsbaurat in Südhessen und über weitere seiner Bauten, darunter für den Deutschen Wetterdienst in Offenbach, eine Kirche in Hassenroth (Odenwald) und mehrere Schulen. Posenenske verwirklichte Ideale des Funktionalismus, der Klassischen Moderne und des „International Style“ aus den USA. Werke seiner ersten Frau Charlotte Posenenske (Heirat 1955) wurden auf der documenta 12 ausgestellt.

1958 wurde Paul Posenenske an die Werkakademie Kassel berufen. Er schuf die Pläne für den Wiederaufbau von Schloss Wilhelmshöhe – mit dem Verzicht auf die Rekonstruktion der Kuppel –, wo noch heute der Bodenbelag aus Lava-Eifelstein im Erdgeschoss an ihn erinnert. Er experimentierte mit modularem Wohnhausbau, widmete sich der Lehre und publizierte – zuletzt mit scharfer Kritik an der Postmoderne. 2001 erhielt er den Hessischen Kulturpreis.

Der Nordbau mit seiner Klarheit und Leichtigkeit erfahre als ein „heimlicher Liebling“ heute Wertschätzung in ganz Deutschland, sagte Philipp Oswalt bei der Ausstellungseröffnung. documenta-Gründer und Professorenkollege Arnold Bode jedoch lehnte ihn ab. Sechs prägende Gestaltungsprinzipien haben die Studierenden ausgemacht – wie Kontraste der Materialverwendung und Raumgestaltung, Schichtungen, Variabilität und Modularität. Sie werden im Einzelnen analysiert, ein Rundgang mit neun „Betrachtungsstationen“ fokussiert auf einzelne Aspekte. Flexibilität galt auch für das von Posenenske selbst entworfene System der Möbel und Beleuchtungskörper – sehenswerte Beispiele sind ausgestellt.

In Interviews geben Zeitzeugen und heutige Nutzer Auskunft über ihre Erfahrungen mit dem Gebäude und äußern Visionen seiner Zukunft. Ab 2023 steht eine grundlegende energetische Sanierung an, die erhebliche Eingriffe in die Substanz des seit 1986 denkmalgeschützten Baus vorsieht. Die Ausstellung ist auch als Appell zu verstehen, möglichst viel vom Posenenske-Original zu retten. In Philipp Oswalts Worten: „Mehrkosten in Kauf zu nehmen, um seine Gestalt zu bewahren.“

Bis 5. November, Mi-Sa 15-19 Uhr, Ausstellungshalle Menzelstraße 13. Dank der Unterstützung der Wüstenrot-Stiftung soll 2023 auch eine Publikation zu Posenenske erscheinen.

Historische Aufnahme aus dem Nachlass des Architekten: Der von Paul Posenenske entworfene Nordbau der heutigen Kunsthochschule.
Historische Aufnahme aus dem Nachlass des Architekten: Der von Paul Posenenske entworfene Nordbau der heutigen Kunsthochschule. © Nachlass PosenensKe/Kunsthochschule
Paul Posenenske Architekt und Professor
Paul Posenenske Architekt und Professor © Privat

Fusion im Jahr 1969

Die Ausstellung stellt nicht nur den Entwurfsprozess und die – geringen – baulichen Veränderungen seit 1968 dar. Auch die Geschichte der heutigen Kunsthochschule wird erläutert: Bereits 1969 fusionierten Werkakademie (heute der Nordbau) und die von Josef Lucas 1962 errichtete Werkkunstschule (heute Südbau und Atrium) zur Staatlichen Hochschule der Bildenden Künste, die wiederum bereits 1971 in die Gesamthochschule Kassel eingegliedert wurde. Um 1970 waren die Gebäude für 415 Studierende und neun Professuren ausgelegt, heute beherbergen sie 1000 Studierende und 30 Professuren. 

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