Johannes Wielands Tanzstück „golddigger“ im Kasseler tif

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Mit Vollgas in die Herzen der Zuschauer: Die Tänzerinnen Meimouna Coffi (links) und Annamari Keskinen auf einem Motorrad.

Kassel. Klaus konnte nicht Nein sagen. Wie alle Zuschauer wollte auch er nur den Tänzern in „golddigger“ zusehen. Aber dann war er für einen Moment der Hauptdarsteller in Johannes Wielands neuem Tanzstück, das im Kasseler tif uraufgeführt wurde.

Schauspieler Sebastian Klein und Tänzerin Meimouna Coffi machten ihn zu Sybille, mit der sie in die Zukunft schauten. Alle anderen Gäste hatten ihre Plätze verlassen und schauten nun auf Klaus, der die Fragen cool über sich ergehen ließ.

Manchmal wird man in Situationen hineingeboren, die unangenehm erscheinen, dann aber großes Glück sind. Denn vor den vier Akteuren in „golddigger“ muss niemand Angst haben. Selten hat man Tanztheater so intensiv erlebt wie in der neuen Choreografie des Kasseler Tanzdirektors. Die Tänzer berühren einen und schauen einem tief in die Augen. Hier ist man mittendrin statt nur dabei. Dafür gab es frenetischen Applaus.

Wieland hat die Zuschauersitze in Zweierreihen vor den Wänden angeordnet. In den Ecken stehen Flipperautomaten – wahrscheinlich weil wir Menschen manchmal wie Flipperkugeln durchs Leben geschossen werden. Und im Quadrat tanzen Klein, Coffi, Annamari Keskinen sowie Michal Czyz. Sie lassen die Zuschauer ihre Sitze wechseln und bringen einmal sogar den ganzen Raum zum Tanzen.

Es geht um die Frage, ob ein gelingendes Leben möglich ist und wie wir für eine bessere Zukunft unsere Vergangenheit hinter uns lassen können. Keskinen singt dazu „Heavy Cross“. In dem Hit der US-Band Gossip geht es nicht nur um das schwere Kreuz, das wir tragen müssen, sondern darum, dass wir eben doch selbst wählen können, was wir wollen: „Whatever you want, the choice is yours.“ Mit Czyz tanzt sie ein hinreißendes Duett. Es beginnt wie ein Kampf, und am Ende balanciert Keskinen für eine gefühlte Ewigkeit auf dem Rücken des Polen.

Coffi schreitet einmal durch ein geöffnetes Tor von der Straße auf eine Hebebühne und singt im Kunstschnee von der „Summertime“. Der langhaarige Schauspieler Klein sieht mit seinen geschminkten Augen aus wie ein als Zombie auferstandener Kurt Cobain. Sein Bewegungstalent beweist er mit einem selbstzerstörerischen Solo zu Death Metal. Und schließlich schreit er einen Monolog in den Raum über uns Ja-Sager, die wir zu allem Ja sagen: vom Dosenpfand über einen „pervers großen Fernseher“ und Hitler bis zu Markus Lanz. Keskinen macht dem Wutanfall mit einem Kuss ein Ende. Ist Liebe die Lösung für alles? Zu diesem Stück sollte man in jedem Fall Ja sagen.

Weitere Vorstellungen im Theater im Fridericianum: 28. Februar sowie 2. und 9. März. Karten: 0561/1094-222.

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