Etat von 1,5 Millionen Euro

Bad Gandersheimer Domfestspiele: Modern und handgemacht

Vor dem Dom: Blick auf die Festspieltribüne mitten in Bad Gandersheim. Foto: nh

Bad Gandersheim. Während die Hersfelder Festspiele viel Glamour bieten, punkten die Domfestspiele in Bad Gandersheim mit Handgemachtem und modernen Strukturen.

Verstecken muss sich das Festival nicht. Manchmal schielen die Domfestspiele Bad Gandersheim etwas neidisch auf das Nachbar-Theaterfestival in Bad Hersfeld, das seit dem Amtsantritt von TV-Regiestar Dieter Wedel die Glamourmaschine anwirft, um mit TV-Stars Aufmerksamkeit zu generieren. So etwas ist dem deutlich kleineren Festivalbetrieb im Süden Niedersachsens fremd (Etat 2016: 1,5 zu 7,09 Millionen Euro, Besucher 2015: 49 000 zu 77 500). Doch die Domstadt hat andere Vorzüge, allen voran einen, bei dem die Hersfelder neidisch werden könnten: In Gandersheim hat man schon vor sechs Jahren die Rechtsform der gemeinnützigen GmbH gewählt, um die man in Nordhessen immer wieder politisch ringt. Wir stellen das Festival kurz vor Saisonbeginn vor.

Das Festivalprofil

Zuerst: Schauspiel, seriös und qualitätsvoll. Intendant Christian Doll betont, dass dies das Herzstück der Festspiele ist und bleibt, schon weil darin die Ursprünge liegen (seit 1959). Dazu: Musikalisches. Das zieht das Publikum in deutlich größerer Zahl an. Im Idealfall lassen sich die Menschen vom Musikstück so anfüttern, dass sie dann auch ins Drama gehen.

Die Einbindung in der Stadt

Bad Gandersheim ist ein kleines Städtchen, Festivalflair entsteht, wenn dort im Sommer die etwa 80-köpfige Künstlerfamilie lebt. Man trifft Schauspieler beim Bäcker, im Schwimmbad, sogar kurz vor Aufführungsbeginn, weil Künstler wie Publikum denselben Eingang benutzen. Die Domfestspiele leben von diesem Flair des Handgemachten, der Nähe. So spielt das Festival die konträre Karte zu den Kommerzmusicals in den Eventhallen, die auf Show und Überwältigung setzen. Hier gibt es nur wenig davon - das hat mit Finanzausstattung zu tun, aber eben auch mit Profilbildung.

Die Mitwirkenden

Profis. Musical-Darsteller schätzen hier, dass sie etwa auch im Schauspiel mitwirken dürfen, was sie bei den großen Musical-Firmen nie könnten. Da im Ensemble fast immer mehrere Rollen übernommen werden, ist das Team kontinuierlich den Sommer über in der Stadt - dieses Gemeinschaftsgefühl spürt man auf und vor der Bühne.

Die Organisation

Als die Stadt Bad Gandersheim 2010 wegen ihrer Schuldenlast den Zukunftsvertrag des Landes Niedersachsen unterschreiben musste, wurde die Organisationsstruktur der Festspiele umgebaut. Ab dann war das keine Veranstaltung der Stadt mehr, sondern in Form einer gemeinnützigen GmbH aufgestellt. Konsequenz: Die Stadt gibt kein Geld mehr, so der Geschäftsführer Stefan Mittwoch.

Die Gesellschafter sind Kultur- und Denkmalstiftung des Landkreises (50 Prozent) sowie Kreissparkasse Northeim und Stadt Bad Gandersheim (je 25 Prozent). Intendant Doll ist froh, dass er sich nicht ständig mit der Stadt auseinandersetzen muss, räumt aber auch ein, dass es manchmal gut wäre, dass die Stadtpolitiker qua Amt Stellung beziehen müssten.

Der Finanzierungsmix

Stefan Mittwoch

Der Etat liegt bei 1,5 Millionen Euro, davon sind knapp 500 000 Euro Zuschüsse. Sie kommen vor allem von Land (170 000), Bund (49 400) und Landkreis (156 000 Euro). Sparkassenstiftung (20 000) und Förderverein der Festspiele (15 000) sind weitere wichtige Geldgeber. Sponsoren (77 000 Euro) sind zudem unverzichtbar geworden - auch ideell, für die Verankerung in der Stadt, so Mittwoch.

Engagement des Bundes

Noch sind es 49 400 Euro, und das soll laut Auskunft von Hagen Philipp Wolff, Sprecher der Staatsministerin für Kultur und Medien, „auf diesem Niveau auch für die kommenden Jahre“ beibehalten werden. Die Festspiele mussten allerdings eine Kürzung verkraften, noch 2015 hatte der Bund mit 74 400 Euro gefördert. Obwohl die „Gründe für die Kulturförderung im Zonenrandgebiet“ wegfallen, werde man an der Unterstützung festhalten, so Wolff, auch weil man eine „künstlerisch positive Entwicklung“ erkenne. Eine überregionale Wahrnehmung des Festivals könne allerdings nicht festgestellt werden und sei auch nicht das Selbstverständnis des Festivals, das sich als regionaler Leuchtturm verstehe. Die Förderung sei an die Erwartung geknüpft, dass die regionalen Träger „ihr Engagement für die Festspiele ausbauen“.

Der Wechsel

Christian Doll

Intendant Doll wechselt nach dieser Saison als Intendant an die Festspiele Schwäbisch Hall. Er war fünf Spielzeiten lang da. Die Stelle wird nicht ausgeschrieben, fünf Kandidaten sind im Gespräch.

Die aktuelle Saison

Die Domfestspiele vom 27. Mai bis 24. Juli stehen in diesem Jahr unter dem Motto „Erwachsen werden?“ Es werden folgende Stücke gezeigt:

„Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow: In der Komödie lässt der russische Dichter Figuren auftreten, die unfähig sind, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen. Regie: Christian Doll, Premiere: 2. Juni

Musical „Die drei Musketiere“ nach dem Roman von Alexandre Dumas, Regie: Craig Simmons, musikalische Leitung: Heiko Lippmann, Premiere: 24. Juni

Sommer-Musical „Highway to Hellas“ nach der gleichnamigen Kinokomödie, in der Christoph Maria Herbst spielte, Regie: Achim Lenz, musikalische Leitung: Ferdinand von Seebach, Premiere: 10. Juni

Familienstück: „Michel aus Lönneberga“ nach Astrid Lindgren, Regie Tim Egloff, Premiere: 28. Mai

Wiederaufnahmen: „Judas“ ab 9. Juni, Musical „Die Comedian Harmonists“ ab 27. Mai.

Dazu zahlreiche Extras.

Kartentelefon: 05382/73-777 

domfestspiele-gandersheim.de

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