Wallraf-Richartz-Museum zeigt eine Ausstellung zur wegweisenden Kölner Sonderbund-Schau 1912

Als Moderne eine Mission war

Vincent van Gogh, „Selbstbildnis“ (1887).

Aber unser Dom wird darum nicht ins Wanken kommen und die Bilder der altdeutschen Meister werden nicht von den Wänden fallen.“ So versuchte der Kölner Oberbürgermeister schon zur Eröffnung eines gewagten Ausstellungsprojektes die Gemüter zu kühlen. Das war vor 100 Jahren. Das Wallraf-Richartz-Museum in Köln erinnert mit einem Remake unter dem Titel „1912 - Mission Moderne“ nun an diese Schau. Eine neuerliche Kontroverse steht nicht zu erwarten.

Was seinerzeit in der sogenannten Sonderbund-Ausstellung an Kunst versammelt war, brachte nicht weniger als die Moderne ins deutsche Reich des Kaisers, der die „Drecks-kunst aus Frankreich“ ablehnte. Die Kunstauffassung jener Zeit war noch tief im 19. Jahrhundert verhaftet. Die Kritik schäumte denn auch. Die Schau wurde als „Schreckenskammer“ oder „Lachkabinett“ eingestuft mit „Gemälden, die eher in die Sammlung eines Irrenarztes gehören“.

Was war Schlimmes geschehen? Nun, die Ausstellung bot van Gogh, Cézanne, Gauguin, Picasso, Munch, Schiele, Hodler und deutsche Expressionisten sowie Skulpturen von Barlach, Lehmbruck und dem Belgier George Minne. Nicht weniger als 634 Arbeiten galt es zu entdecken. Das war in jeder Hinsicht zu viel für die konservativen Gemüter.

Das Remake der wegweisenden Schau fällt deutlich kleiner aus, doch sind unter den 120 Werken, darunter Leihgaben aus Amsterdam und Oslo, Paris und London, New York und Washington, alle wichtigen Künstler und Stilrichtungen des Originals vertreten. Die Nacherzählung ist in Gruppen und nach Ländern zusammengefasst. Verbindungslinien und Einflüsse - etwa der von Gauguin auf die Vertreter der „Brücke“ oder van Goghs Bedeutung für den Expressionismus - werden so nur indirekt sichtbar.

Obwohl die Wände wie einst mit einem schwarzen Rahmen eingefasst sind, besteht kein Grund zur Trauer. Im Gegenteil: Diese Ausstellung feiert die Schaulust. Auch im Schatten der Stars sind Entdeckungen zu machen: Pierre-Paul Girieud, der von Gauguin beeinflusst war, eine monochrome „Rote Obsternte“ des Schweizers Cuno Amiet oder ein kubistischer „Prometheus“ des Tschechen Antonin Procházka.

Zumindest die Fachwelt war begeistert - auch in Übersee. 1913 präsentierte die legendäre Armory Show in New York viele Werke der Sonderbund-Ausstellung. So erreichte die Moderne die USA. Die aktuelle „Mission Moderne“ ist nicht mehr als gelungene Erinnerungsarbeit, aber eine sehr schöne. Der angekündigte Publikumserfolg scheint sicher.

Bis 30. Dezember, Informationen: Tel. 0221/221211-19, www.wallraf.museum/ Katalog (mit der komplett recherchierten Originalausstellung), Wie-nand Verlag. 39,90 Euro, Begleitheft 12 Euro.

Von Ulrich Traub

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