Thomas Pynchons neuer Roman „Natürliche Mängel“

Moderner Wahnsinn

Larry „Doc“ Sportello ist ein Hippie-Detektiv, der tagein, tagaus unter Strom steht und an Halluzinationen glaubt, was mit seinem Koks-Konsum zusammenhängt. Er hat als Zielfahnder begonnen, sich selbstständig gemacht und stolpert in Thomas Pynchons Roman „Natürliche Mängel“ durch die Halb- und Unterwelt von Gordita Beach, einem Vorort von L.A., wo es von Surfern und Gaunern wimmelt und nach „Rohöl und Salzwasser“ riecht.

Ende der 60er-Jahre: Reagan regiert Kalifornien, Nixon lügt, Charles Manson lässt das bürgerliche Amerika aus seinen Wachträumen stürzen. Diese Umgrenzung des zeitlichen Rahmens ist bei Pynchon eher ungewöhnlich, ebenso der lineare Erzählstil, der wie eine traditionelle Detektivgeschichte daherkommt. Und doch ist alles ganz anders.

Von vornherein wird klar, dass Erinnerung und Orientierungsvermögen von Larry „Doc“ Schwankungen unterliegen. Dieser Detektiv ist ein Paranoiker, der sich auf der Suche nach seiner Ex-Geliebten Shasta Fay Hepworth auf eine Odyssee begibt, die ihn in halb wachem, halb halluziniertem Dämmerzustand an die Grenze zwischen Realität und Fiktion geraten lässt.

Larry entdeckt ein Entführungskomplott mit vielen Unbekannten. Auch der jüdische Immobilientycoon Mickey Wolfmann, der sich die Exfreundin angelacht hat, ist weg - Doc hat bei diesem Irrsinns-Trip liebe Not, sich in der schwindelerregenden Abfolge von Ereignissen der krudesten Sorte über Wasser zu halten. Er wehrt sich tapfer seiner Haut, schießt den einen oder anderen Bösewicht über den Haufen, hängt aber lieber im Büro herum, wo er sich einen reinzieht und Surfmusik hört. All die Referenzen an die Popkultur, die Pynchon ausbreitet - das gibt dem Ganzen einen unernsten Sound.

Was geschieht oder auch nur angedeutet wird, kann letztlich nicht nach hergebrachten Gesetzen der Logik verfolgt werden. Es wird auch nichts geklärt. Irgendwann kommt Docs Exfreundin wieder - beide treiben es miteinander, als wäre nichts gewesen. Irgendwann läuft auch der tot geglaubte Immobilienhai wieder durch die Gegend. Aber ob das die Wirklichkeit spiegelt?

Jedenfalls zeigt der 72-Jährige, der sich seit Jahrzehnten der Öffentlichkeit entzieht und von dem es keine Fotos gibt, seinen Fans, dass auch in der Paranoia das Nachtgesicht der neuen Zeit sichtbar werden kann. Es gibt wohl keinen Autor in unseren Tagen, der über ein derart virtuos ausgebautes Binnensystem von Stilvielfalt verfügt wie Pynchon, dem es auch in diesem Roman gelingt, seine komplexen Verschwörungs-Visionen in den Kontext eines glasklaren Blicks auf die Realität des technokratischen Zeitalters einzubringen. Das L.A. der 60er- und 70er-Jahre steht für ein Universum des modernen Wahnsinns - mit Handlungsfäden, die im Unendlichen verschwinden.

Thomas Pynchon: Natürliche Mängel. Rowohlt, 478 S., 24,95 Euro. Wertung: !!!!:

Von Wolf Scheller

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