Was ist schlimmer: Wenn Freunde ständig tolle Sachen posten oder gar nichts mehr?

Das Momo-Phänomen: Facebook macht nur neidisch

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Manchmal wäre es womöglich besser, nichts in sozialen Netzwerken zu posten: Einige verunstalten sich per Klebeband wie hier in der Facebook-Gruppe „Sellotape-Selfie“.

Man muss an eine Zeile des Musikers Peter Licht denken, wenn es um das neueste Phänomen aus den sozialen Netzwerken geht. „Gesellschaft ist toll, wenn nur all die Leute nicht wären“, singt Licht in „Das Ende der Beschwerde“.

Bislang hätte man sich als Facebook-Nutzer immer dann gern beschwert, wenn man neidisch auf seine Freunde war, nachdem die wieder die tollsten Dinge gepostet hatten: Einer war gerade in New York gelandet, einer lud ein Selfie mit sich und Boris Becker neben dem Center Court in Wimbledon hoch, und ein Dritter schrieb, wie toll das Geheimkonzert mit Arcade Fire in einer Berliner Hotelloby gewesen sei.

Wer nur ab und an bei Facebook vorbeischaut, kriegt das Gefühl, irgendetwas zu verpassen. „Fear of Missing Out“ lautet der Angst-Fachbegriff dafür. Nun gibt es das gegenteilige Krankheitsbild: „Mystery of Missing Out“ (Momo) steht dafür, dass man plötzlich Angst bekommt, wenn die anderen nichts mehr posten, weil sie womöglich etwas Besseres zu tun haben als ihre Zeit in sozialen Netzwerken zu verplempern.

Der britische „Telegraph“ hat das Phänomen jüngst in einem Artikel erklärt, der natürlich gleich sehr oft geliked und retweeted wurde von jenen, die noch bei Facebook und Twitter sind. In dem Text geht es um eine gewisse Rose, die täglich ihre Lieblingsprofile in der Foto-App Instagram checkt: „Wenn die plötzlich stumm werden, bekomme ich ganz schnell Momo.“

Sie hat dann Angst, dass ihre Freunde in coolere Netzwerke gewechselt seien, von denen sie noch nie etwas gehört hat. Sie fragt sich, ob sie irgendwo ein geheimes Festival verpasst, von dem man erst später etwas posten kann. Am schlimmsten wäre aber, wenn all die Leute, die bislang ihr Mittagessen, ihre Kinderschnappschüsse und Selfies in die Welt sendeten, plötzlich einfach nur ihr Leben leben.

Wie man es auch macht: Bei Facebook ist man entweder auf ganz viel oder auf gar nichts neidisch. So neu ist das allerdings nicht. Der „Telegraph“ zitiert die Psychologin Terri Apter von der Universität Cambridge, die ein ähnliches Verhalten bei Kindern und Jugendlichen bereits im analogen Zeitalter festgestellt hat: „Wir brauchen Dinge, die uns das Gefühl geben, Teil einer Gruppe zu sein.“

Die Leute, könnte man mit Peter Licht sagen, machen es der Gesellschaft ziemlich schwer. An diesem Wochenende zum Beispiel haben wir 20 Jahre nach dem Abi Klassentreffen. Bislang gibt es bei Facebook nur acht Zusagen. Haben die Freunde von einst etwa alle etwas Besseres vor?

Von Matthias Lohr

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