Kasseler Dokumentar- und Videofilmfest

Medienkunstausstellung Monitoring fragt nach Grenzen der Freiheit

„Kein Bild“: Screenshot einer Webcam, die außer Betrieb ist - Teil der Arbeit von Kurt Cavaziel. Fotos: Monitoring

Kassel. Selten war die Medienkunstausstellung Monitoring innerhalb des Kasseler Dokumentar- und Videofilmfests so sehr am Puls der Zeit. Viele der 17 künstlerischen Arbeiten beschäftigen sich mit Überwachung, Kontrolle und Zensur, mit Wahrheit und Fälschung in der digitalen Welt.

Schon der Auftakt in den Räumen des Kunstvereins setzt auf irritierende, eindrucksvolle und nur scheinbar unspektakuläre Weise das Thema. Jonathan Pirnay und Jörn Röder, Studierende in der Klasse Neue Medien der Kasseler Kunsthochschule, offerieren an einem Empfangstresen frei zugängliches W-Lan. Doch jede Seite, die aufgerufen wird, soll ausgedruckt, jede Mail dokumentiert, jedes Passwort abgefangen und in Ordnern sortiert werden. „Das erfordert ein gewisses Level an Fachwissen“, sagt Pirnay, „aber wenn man sich das aneignet, kann das jeder“. Die „Überwacher“ im Fridericianum werden aber - anders als die NSA - durch ihr öffentlich einsehbares Tun gleichzeitig zu Überwachten.

Im Raum nebenan arbeitet eine Zeichenmaschine, die die Schweizer Christoph Wachter und Mathias Jud programmiert haben. Ein Rechner spürt im Internet zensierte, gelöschte Bilder auf, macht sie als Zeichnung wieder sichtbar. Das Künstlerduo stellt Fragen nach den Grenzen der Freiheit, auch in unterschiedlichen Kulturen und Staaten. Wer legt fest, was die Gesellschaft erlaubt und toleriert, etwa an Auswüchsen von Gewalt oder Pornografie? Inwieweit müssen Menschen vor sich selbst geschützt werden, die sich beispielsweise selbst verletzen? Wo endet die freie Entfaltung der Persönlichkeit? Verboten werden auch islamistische Seiten oder Bilder in Foren magersüchtiger Mädchen - auch von legal erhältlichen Appetitzüglern.

Von Zensur handelt auch Gilles Fontolliets Arbeit, der die berühmten, ins kollektive Gedächtnis gegrabenen Bilder eines Mannes, der im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking einen Panzer stoppt, von chinesischen Postproduktionsfirmen hat retuschieren, säubern lassen.

Zensierte Fotos werden wie Phantombilder sichtbar: Zeichenmaschine von Christoph Wachter und Mathias Jud.

Wir sehen also in dieser von Lukas Thiele und Tilman Hatje geleiteten Ausstellung auch, was wir sehen, wenn wir nichts sehen. Kurt Caviezel, ebenfalls Schweizer, hat Screenshots von Webcams gesammelt, die nicht in Betrieb sind. Eine skurrile Auswahl von Bildern, die behaupten, keine Bilder zu sein („no image“ steht über der Aufnahme einer Kamera außer Betrieb), aber es natürlich doch sind, nicht nur als Ausstellungsexponate. „Wartungsarbeiten!“ über einer belebten Strandansicht oder „Es schneit: Kamera defekt“ - sehr amüsant.

Dass Naturgewalten unseren medial gesteuerten Alltag außer Kraft setzen können, zeigt auch John Gillies Videoinstallation, die ein Gewitter in Australien in Geräusche und stroboskopartige Blitze zerlegt. Auch andere Videoarbeiten, Installationen und Fotografien führen nicht ins Internet, sondern in Julian Assanges Asyl in der Botschaft Ecuadors in London, in Titos Sommerresidenz am Bleder See in Slowenien, in Obamas „Situation Room“, in dem er die Tötung Bin Ladens verfolgte, zu verfallenen Hafenanlagen an einem Strand in Frankreich oder mit einer fiktiven palästinensischen Raumfahrtbehörde in den Weltraum.

250 Kilogramm aufgehäuftes Filmmaterial, das man durch die Hände gleiten lassen darf, erinnern an ein im Vergehen begriffenes analoges Zeitalter - das Dokfest zeigt erstmals ausschließlich digitale Filme.

Monitoring ist zu sehen im Kasseler Kunstverein im Fridericianum (Fr /Sa 11-22 Uhr, So 11-19 Uhr), im Südflügel und im Stellwerk des Kulturbahnhofs sowie in der Galerie Coucou, Werner-Hilpert-Str. 8 (Fr/Sa 17-22 Uhr, So 17-20 Uhr). Kira Bogdashkina und Katharina Hofbeck bieten Rundgänge an, Termine: am Freitag, 18 Uhr, Südflügel, Samstag, 15 Uhr Kunstverein, Sonntag, 18 Uhr Südflügel. Der Eintritt zu Monitoring ist frei.

Ausstellung "Fünfuhrtee in Kiribati"

Das 30-jährige Bestehen des Dokfests hat besondere Fördermittel erbracht und somit eine weitere Ausstellung ermöglicht. „Fünfuhrtee in Kiribati“, dieser Titel der von Beatrix Schubert kuratierten Präsentation mit zehn Künstlern im Interim, dem Gebäude hinter dem Südflügel (Franz-Ulrich-Str. 16), meint ein Ritual im Inselstaat an der Datumsgrenze im Pazifik. Mit Zeit und Raum beschäftigen sich auch viele der Arbeiten. Wunderbar etwa die verspiegelten Objekte, in denen Uhren ticken, von Shootingstar Alicja Kwade - die 29-jährige in Kattowitz geborene Künstlerin war schon 2012 bei „Made in Germany“ in Hannover vertreten. Cevdet Erek, der bei der documenta 13 ein Geschoss bei C&A bespielte, zeigt Lineale, auf die er zeitliche Relationen überträgt. (vbs)

Zu sehen bis Sonntag täglich 15-20 Uhr, Künstlergespräche am Freitag und am Samstag, 15 Uhr.

Von Mark-Christian von Busse

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