Monumentaler Abschiedsgesang: In Kassel setzte Gastdirigent Gregor Bühl bei Bruckners Neunter auf überwältigende Klangmassen

Gastierte in Kassel: Dirigent Gregor Bühl. Im Hintergrund die Solisten beim Messiaen-Stück, Hellmuth Vivell (Klavier) und Irmgard Toepper-Dieckhues (Piccoloflöte). Foto: Socher

Kassel. Neun Jahre hat Anton Bruckner an seiner neunten Sinfonie gearbeitet, von 1887 bis zu seinem Tod im Jahr 1896. Vollenden konnte er sie nicht. Wie manche amerikanische Hotels mit Rücksicht auf abergläubische Gäste die 13. Etage auslassen, hätte Bruckner - wie übrigens auch Gustav Mahler - am liebsten die schicksalhafte Neunte übersprungen. Seit Beethoven schien die Zahl neun eine Grenze zu markieren, die nicht zu überwinden ist.

Bruckners Neunte liegt als gewaltiger Torso vor - über eine Stunde dauern die vollendeten drei Sätze, denen noch ein Finale hätte folgen sollen. Dass es fehlt, kann man dennoch kaum als Mangel empfinden. Auch dass man heute nicht, wie vom Komponisten gewünscht, sein „Te deum“ anstelle des Finalsatzes spielt, ist richtig.

Mit dem gewaltigen Adagiosatz endet die Sinfonie zwar nicht mit der triumphalen Geste, die sich der tiefgläubige Bruckner vorgestellt hatte. Denn der gewaltige Bläserchor im dritten Satz versinkt im wilden Chaos. Dennoch klingt der Satz danach überaus friedvoll aus - eine Mischung aus Ermattung und zuversichtlicher Vision.

Vieles von den gewaltigen Eindrücken, die Bruckners Neunte bietet, war im Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters mit Gastdirigent Gregor Bühl (45) zu erleben: ein Dirigent, der mit großen musikalischen Dimensionen umgehen kann und klangliche Massen zu organisieren vermag. Und einer, der auf Überwältigung zielt. Etwa im ersten Satz mit dem urgewaltig herausgeschleuderten Hauptthema im Unisono.

Insgesamt setzte Bühl auf eher dunkle Farben. Das zuversichtliche zweite Thema in den Violinen erschien eher verhangen als blühend.

Die Durchführung ließ Bühl quasi aus einem klingenden Niemandsland erstehen. Wie tief Bruckner dann aber mit den folgenden musikalischen Vernichtungsfantasien in existenzielle Abgründe blickt, ließ Bühl in einem gewaltigen klanglichen Aufschrei offenbar werden.

An anderer Stelle aber, vor allem im Schlussabschnitt des ersten Satzes wie auch im dritten, reihte Bühl eher Episoden aneinander, als dass er große Bögen schlug und Entwicklungen aufzeigte. Auch verzichtete er auf wirkliche Piani und damit auf die volle dynamische Bandbreite - für Zwischentöne blieb nicht allzu viel Raum.

Zwiespältig auch das Scherzo, ein genialer Wurf Bruckners - und völliger Kontrast zu den Ecksätzen: Raffiniert abschattiert war das spukhafte Trio in der Satzmitte, dagegen schien die unerbittliche Motorik des Hauptthemas etwas aufgeweicht.

Bruckners Neunte ist auch für die Zuhörer ein schwerer Brocken und kein Werk, nach dessen Ende die Bravos einfach losbrechen. Auch in der annähernd ausverkauften Kasseler Stadthalle setzte der Beifall eher zögerlich ein, hielt dann aber lange an.

Der Bruckner-Sinfonie vorangestellt war ein gut achtminütiger Satz aus Olivier Messiaens Orchesterwerk „Des Canyons aux Étoiles“. Ein Stück, dessen klare, helle Orchesterklänge (in der synästhetischen Wahrnehmung des Komponisten von der Farbe Blau) von Vogelstimmen der Piccoloflöte (Irmgard Toepper-Dieckhues), des Glockenspiels (Rüdiger Pawassar) und des Klaviers (Hellmuth Vivell) umrankt wird. Ein Werk übrigens, von dem man gern noch mehr hören würde.

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