Bejubeltes Rinke-Stück: „Wir lieben und wissen nichts“

+
Höfliches Kennenlernen: Alexander Weise (Roman, von links), Christina Weiser (Magdalena), Björn Bonn (Sebastian) und Agnes Mann (Hannah) mit Bier und Prosecco.

Kassel. Der Entsafter ist das Statussymbol des hippen Bürgertums: vertrauenerweckende Technik, glänzendes Gesundheitsversprechen. Mit dem Hinweis auf frisch gepressten Karotten-Ingwer-Saft lässt sich beim Smalltalk viel hermachen.

Moritz Rinke beobachtet in seinem brandneuen Stück „Wir lieben und wissen nichts“ die Befindlichkeiten der Lifestyle-Bourgeoisie. In welchen Zwickmühlen stecken sie? Wie verlaufen Paar- und Berufsbiografien in jenen Bildungsbürgerkreisen, die zwischen Karriere und Meditation, Internetsex, Cellulite-Vorsorge und Fruchtbarkeits-App glücklich werden wollen?

Viel Applaus gab es im Kasseler Schauspielhaus am Samstagabend für Markus Dietz’ Inszenierung des Vier-Personen-Stücks. Er pegelt die boulevardeske Komödie nicht auf Klamauk ein, sondern nimmt Tempo heraus, öffnet den Schauspielern Raum für tragische Momente: lässt sie Stagnation spüren, innere Leere. Die Möglichkeit, dass ihre Beziehungen bereits am Ende sind.

Sebastian (Björn Bonn) und Hannah (Agnes Mann) tauschen mit Roman (Alexander Weise) und Magdalena (Christina Weiser) aus beruflichen Gründen für ein paar Wochen die Wohnungen. Man trifft sich in Sebastians leerem, effektvoll hinterleuchtetem Arbeitszimmer (Bühne: Mayke Hegger), um die Schlüssel zu übergeben – und nebenbei über die Leistungskraft der jeweiligen Entsafter zu sprechen. In die geschäftliche Angelegenheit drängen sich plötzlich Grundsatzdramen, man flirtet, schließlich fällt ein Pistolenschuss.

Der Text liefert viele intelligente Pointen, lässt aber die Geschlossenheit und Schärfe von Yasmina Rezas Zwei-Paare-ein-Zimmer-Klassiker „Der Gott des Gemetzels“ vermissen. Vieles bleibt an der Oberfläche. Markus Dietz öffnet die Konstruktion, in dem er die Figuren in eine magische Parallelwelt im Bühnenhintergrund flüchten lässt - beim arg langen Tangotanz von Magdalena und Roman dort kann allerdings die Spannung nicht aufrechterhalten werden.

Die meisten Lacher kassiert der fantastische Björn Bonn, der seinen Kulturhistoriker Sebastian als barfüßigen Schluffi mit Designerbrille anlegt, der sich in abseitigen Wissenschaftsthemen verliert, dem Google-Diktat verweigert und anfallsartig von seiner Glückssehnsucht übermannt wird.

Christina Weisers Prosecco süffelnde Magdalena ist seine tief melancholische Seelenverwandte, auch sie als Tier-Physiotherapeutin Meilen von der Karrierewelt entfernt. Zum Wegschmeißen komisch: Wie sie die Zuckungen eines Steinmarders vorführt, bevor der das erbeutete Kaninchen verspeist.

Roman und Hannah sind Karrieretypen, die sich in der globalisierten Welt assimilieren wollen. Alexander Weise trumpft als wollpullitragender IT-Bastler für Satelliten auf - im Bewusstsein, dass die Welt immer besser wird. Lautstark macht er den Larry, wenn Sebastian das Kennwort fürs WLAN nicht im Kopf hat, und steht schließlich entwürdigt in der Unterhose da. Bewundernswert subtil lässt Weise spüren, dass Roman bereits ahnt, dass sein Erfolg am Ende ist.

Hannah ist Atemtherapeutin für Banker, ihr kimonoartiger Hosenanzug bringt die Zen-Welt mit der Businessuniform des Westens zusammen (Kostüme: Henrike Bromber). Agnes Mann zeigt großartig präzise, wie die Karrierefrau ihrem Erfolg nie ganz traut und sich, obwohl sie die Verdienerin in der Beziehung ist, wünscht, auch finanziell von ihrem Partner verwöhnt zu werden. Sie schillert zwischen Zupackenmüssen und Traurigkeit. Ihre vorerst letzte große Rolle am Kasseler Staatstheater.

Wieder am 27., 30.3., Karten: 0561-1094-2222.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.