Das Minguet-Quartett eröffnete die Reihe „Spohr und die anderen“ im Kulturbahnhof

Mozart und Mendelssohn getrotzt

Das Minguet-Quartett vor einem Bild des Musikers Spohr: (von links) Ulrich Isfort, Annette Reisinger, Aroa Sorin und Matthias Diener. Foto: Schachtschneider

Kassel. Dass Musik auch dazu da sein kann, Stille zu vertreiben, ist nicht erst mit dem Radio-Gedudel in die Welt gekommen. Die Hörer zu versichern, „dass etwas sei und nicht etwa nichts“ (so der Philosoph Leibniz), das kann auch ein Streichquartett Mozarts leisten. Zumal dann, wenn es so gespielt wird wie das d-Moll-Quartett KV 421 vom Minguet-Quartett zum Auftakt der neuen Konzertreihe „Spohr und die anderen“.

Geradezu beunruhigend war es zu verfolgen, mit welcher Radikalität die vier Musiker (Ulrich Isfort und Annette Reisinger, Violine, Aroa Sorin, Viola, und Matthias Diener, Violoncello) die Motive des Mozart-Kopfsatzes aus dem Nichts holten, zu kurzen Phrasen formten, aufleuchten ließen und sogleich zurücknahmen.

Doch auch so lässt sich das Spiel des formidablen Kölner Quartetts, das 2010 zu den Echo-Preisträgern zählte, beschreiben: Mozarts Musik ist Theater ohne Sprache, eine Bühne für vier (Selbst-)Darsteller. Und wenn das Trio im Menuettsatz schon alpenländische Anklänge aufweist - warum dies nicht bis zum Anschlag pointieren?

Existenzielle Befindlichkeiten bei Mozarts ungewöhnlichem Moll-Werk und heftiger Seelenschmerz am Ende bei Felix Mendelssohn Bartholdys f-Moll-Streichquartett op. 80, das nach dem Tod der geliebten Schwester entstand: Dazwischen nahm sich Louis Spohrs C-Dur-Quartett op. 141 fast etwas leichtgewichtig aus. Und das zu Beginn der Reihe „Spohr und die anderen“, die das Spohr-Museum und der Konzertverein ins Leben gerufen haben, um Begeisterung gerade für Spohrs Musik zu wecken.

Doch die Sorge war unbegründet: Auch wenn die Minguet-Musiker im Pausengespräch selbst einige Vorbehalte gegenüber Spohr äußerten: Das Spiel der vier ließ doch die eigenartige Faszination spüren, die von Spohrs insistierenden Harmoniefolgen, den nur scheinbar harmlosen Melodien, der Wärme erzeugenden Dichte seiner Komposition ausgeht.

Für die 90 Zuhörer im Kulturbahnhof war das Konzert, nach dem Beifall zu urteilen, jedenfalls insgesamt ein Erlebnis. Und die Zugabe, ein Arrangement von Mahlers Wunderhorn-Lied „Wo die schönen Trompeten blasen“, verströmte noch einen besonderen Zauber.

Von Werner Fritsch

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