Interview mit Rapper Samy Deluxe

Samy Deluxe: „Alle nach mir waren viel schlimmer“

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Samy Deluxe

Samy Deluxe über sein Album „SaMTV-Unplugged“, seine Bling-Bling-Zeit und Selbstfindung.

Oft diktiert ihm sein Bauchgefühl, was er als Nächstes machen wird, sagt Samy Deluxe. Jetzt war es an der Zeit für ein Best-of- Album – im neuen Gewand und mit musikalischen Freunden wie Curse, Max Herre, Nena, MoTrip und Die Beginner. Das Ergebnis heißt „SaMTV-Unplugged“, wir haben mit dem Rapper darüber gesprochen.

Samy Deluxe, in vielen Ihrer älteren Texte geht es um Herkunft und Ausgrenzung – noch immer aktuelle Themen.

Samy Deluxe:Das ist mir natürlich aufgefallen. Aber ich bin eben nicht in der Position, dass ich zwischendurch auch nur für einen Tag das Privileg gehabt hätte zu vergessen, dass es Rassismus gibt. Minderheiten haben nicht viele Privilegien, aber wir haben zumindest das, dass wir die ganze Zeit relativ ungefiltert die Realität sehen – was das angeht.

Dann haben Sie die Hitlergruß-Demonstranten von Chemnitz nicht überrascht?

Deluxe: Wenn man hier weiß und Deutsch ist und keinen multikulti Freundeskreis hat, kann man der Illusion verfallen, dass Rassismus nicht so schlimm ist. Das war bei mir nie so. Deshalb dachte ich nicht: Crazy, es gibt wieder Rassismus – Nazis sind nicht aus dem Boden geschossen.

Ärgert es Sie, dass es vielen Rappern heute mehr auf Muskeln als auf die Texte ankommt?

Deluxe: Das ist so, als würden Sie George Clooney etwas über einen Pornodarsteller fragen. Rap ist mittlerweile ein riesiges Ding. Nur, weil Leute Rap machen, müssen sie nichts miteinander zu tun haben.

Ging es nicht mal um Inhalte?

Deluxe: In Amerika kam der Rap aus der Unterschicht und ist immer weiter aufgestiegen. Hier war es andersrum: Fanta4 waren hier die ersten Rapper, sie waren sehr mittelständig. Ich war Anfang der 2000er der Bad Boy. Doch dann kamen Cool Savas mit „Ich kacke auf deinen Toast und nenne es Nutella“ und Sido mit dem „Arschficksong“ – ab da war jedes Tabu gebrochen und wurde krasser mit der Aggro-Ära.

Geht es nur ums Übertreffen?

Deluxe: Heute sind viele extrem auf Schock aus, weil das gut funktioniert, man Aufmerksamkeit bekommt und Erfolg generiert. Den Langzeiterfolg haben aber nur die Künstler, die Relevanz haben. So Leute wie Kollegah und Farid Bang sehe ich als Entertainment, auch wenn es mich nicht unterhält. Die Kids checken schon voll, dass das alles übertrieben ist und die nicht wirklich mit Kalaschnikows im Alltag rumballern. Die haben heute den Draht zum Schulhof, den ich hatte, als alle noch hinter der Turnhalle gekifft haben. Alle anderen nach mir waren so viel schlimmer, dass ich jetzt wie ein krasser Sozialarbeiter rüberkomme.

Ist deutscher Rap heute antisemitisch?

Deluxe: Nein, deutscher Rap ist ein ungefiltertes Medium von Leuten, die sagen können, was sie wollen. So lange es Meinungsfreiheit gibt, muss man auch das andere erlauben, auch wenn es geschmacklos erscheint. Tausende Rapper haben schon krass rassistische Statements abgegeben. Es war nie ein Medienskandal, wenn ein weißer Rapper über Nigger gerappt hat. Sobald etwas antisemitisch gelabelt wird, gibt es viele Instanzen mit Macht, die sich des Themas annehmen.

Wenn man sich Ihnen nähern will, dann mit „Superheld“?

Deluxe: Es ist der Song mit der defensivsten Haltung. So nahbar ich als Privatmensch bin, so sehr strahle ich als Rapper etwas Starkes aus mit meinen knapp zwei Metern. „Superheld“ macht mich klein. Es ist eine Geschichte über meinen Sohn, der sich mit sechs Jahren wünschte, weiß zu sein, weil es keine Superhelden gab, von denen er sich optisch repräsentiert fühlte. Jeder kann sich vorstellen, wie krass es sich anfühlt, wenn dein Kind nicht sein will, was es ist. Das könnte sich auf Geschlecht, Religion, Klamottenstil beziehen.

Was hat Ihnen dabei geholfen, sich zu finden?

Deluxe:Wenn man ein Leben führt, in dem man viele Menschen nicht kennt, aber gekannt wird, beschäftigt man sich viel mit seiner Außenwahrnehmung. Das hat mir Anstöße gegeben, mich zu fragen, wer ich bin und wofür ich stehen will. Ich habe viel mit Psychologen gearbeitet, denn ich habe einen großen Selbstfindungsansatz, bin ein energiefühliger Mensch.

In „Mein Flow“ geht es um die Sorge, alt und out zu werden. Wie konkret ist die Angst?

Deluxe: Ich merke, dass ich älter werde. Das ist gut so. Ich könnte es so machen wie früher, aber ich gehe nicht mehr so feiern. Ich ziehe nichts daraus, im Club rumzustehen.

Bei Wikipedia steht, Sie seien der erfolgreichste deutsche Rapper. Wie fühlt sich das an?

Deluxe: Es gab eine Zeit, in der alle gesagt haben, ich bin der Beste. Das war eine geile Zeit (lacht). Gerade fühle ich mich auf einem krass erfolgreichen Level, weil ich so viel mache. Meine materielle Durchdrehzeit hatte ich vor über zehn Jahren. Wenn ich jetzt Geld verdiene, wird es wohl investiert – nicht Bling-Bling und Verschwendung. Ich bin froh, davon leben zu können. Aber am Anfang war für uns kommerziell so ein schlimmes Wort – wir hatten Angst davor. Das hat viele von uns in den Arsch gebissen: Wir fanden das Businessding eklig und wurden verarscht. Es wurde Geld mit meinem Namen verdient, der größte Teil davon kam aber nicht bei mir an.

Samy Deluxe: SaMTV-Unplugged (Vertigo Berlin)

Wertung: 4 von 5 Sternen

Zur Person

Samy Sorge (40) alias Samy Deluxe alias Wickeda MC alias Samsemilia wurde in Eppendorf geboren, wo er aufwuchs und im Alter von 13 Jahren mit dem Rappen begann. Mit dem Trios Dynamite Deluxe und als Solokünstler feierte er ab 2000 Erfolge. Er sagt, dass ihm beim Texten die Bedeutung wichtig ist. „Ich mag es, wenn Worte Wert haben.“ Das haben sie auch auf seinem Album „SaMTV“, auf dem er Haltung zeigt. Er hat einen Sohn.  

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