Berliner Gemäldegalerie soll ins Bode-Museum ziehen - Protest

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Künftiger Standort offen: Gemälde der Renaissance von Sandro Botticelli zählen zu den Höhepunkten der Gemäldegalerie.

Berlin. Massiven Widerstand löst der Plan aus, für die Alten Meister, die zurzeit in der Gemäldegalerie am Kulturforum nahe dem Potsdamer Platz beheimatet sind, einen Standort auf der Museumsinsel zu suchen.

Den Anstoß hat ein Beschluss des Bundestags gegeben, der zehn Mio. Euro für den Umbau der Gemäldegalerie bewilligte. Sie soll zum Museum für bislang in Berlin verstreute Werke der Moderne werden. Kulturstaatsminister Bernd Neumann versprach als Grundstock für dieses Haus den Einzug der Sammlung Pietzsch. Das Berliner Sammler-Ehepaar Ulla und Heiner Pietzsch hat den Staatlichen Museen 150 Werke vor allem des Surrealismus überlassen. Die Museen haben die Präsentation seiner auf 150 Mio. Euro geschätzten Sammlung zugesagt.

Während die verantwortliche Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Senat die Umzugspläne als mutigen, wegweisenden und längst bekannten Schritt verteidigen, rollt eine Protestwelle an, ausgelöst vom Professor für Kunstgeschichte in Harvard, Jeffrey Hamburger, dessen Petition im Internet 10.000 Menschen unterstützen. Auch der Verband deutscher Kunsthistoriker sowie Restauratoren protestierten.

Die Kritiker befürchten, dass angesichts immenser Kosten die Sammlungen gegeneinander ausgespielt werden, dass atemberaubende Meisterwerke des 13. bis 18. Jahrhunderts etwa von Dürer, Caravaggio, Cranach, Rubens und Rembrandt auf Kosten der Publikumsrenner der Klassischen Moderne ins Depot verbannt werden. Alternativen seien eine Erweiterung der Neuen Nationalgalerie und eine provisorische Unterbringung der Sammlung Pietzsch.

Erst 1998 eingeweiht

Die noch ohne Erwartung einer Wiedervereinigung geplante, 1998 eingeweihte Gemäldegalerie sei extra für die Alten Meister gebaut worden. „Man zerstört eine ideale Gemäldegalerie, die mit einem Aufwand von 300 Millionen Mark errichtet wurde, und man zerstört die Präsentation einer unvergleichlichen Skulpturensammlung im Bode-Museum“, warnen die früheren Berliner Museumsdirektoren Wolf-Dieter Dube und Günter Schade.

Das Ausweichquartier, das ohnehin üppig gefüllte, 2006 neu eröffnete Bode-Museum, sei zu klein. Ein neues Gebäude am anderen Ufer des Kupfergrabens gegenüber vom Bode-Museum stünde erst in sieben bis neun Jahren zur Verfügung. Woher die 150 Mio. Euro dafür kommen könnten, stehe in den Sternen. Die Reihenfolge könne nur lauten: Erst der Neubau, dann der Umzug, fordern die Kritiker.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz will bis zum Herbst ein Gesamtkonzept der Museen-Rochade vorlegen. Angesichts des Proteststurms regte Kulturstaatsminister Neumann die zeitweilige Unterbringung der Alten Meister im Kronprinzenpalais an. Dort neben der Staatsoper hatten bereits in der Weimarer Republik Gemälde triumphiert: Genau jene Avantgarde-Kunst, für die jetzt dringend ein Platz gesucht wird.

Argumente für den Umzug

• Die Alten Meister könnten auf die Museumsinsel an den historischen Ort zurückgebracht werden, an dem sie vor dem Krieg und vor der Teilung mehr als 100 Jahre zu sehen gewesen waren. Dann bildeten sie eine perfekte Ergänzung zu den in der Alten Nationalgalerie ausgestellten Meisterwerken des 19. Jahrhunderts.

• Im Bode-Museum würden die Alten Meister wie bis 1933 mit den jetzt schon dort untergebrachten Skulpturen gezeigt. Diese Verbindung der Gattungen „war um die Jahrhundertwende das bahnbrechende Konzept von Wilhelm von Bode. Er hat damit weltweit Nachahmer gefunden“, sagt Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz. „Zu dieser spannenden Idee zurückzukehren, ist eine große Chance.“ Dass das Konzept einer reinen Pinakothek aufgegeben werde, sei seit langem bekannt.

• Mit einem neuen Museum der Moderne könnte Berlin eine schmerzliche Lücke in der Präsentation der Kunstgeschichte füllen. Die Sammlung der Neuen Nationalgalerie, die zum Großteil im Archiv schlummert, könnte endlich angemessen präsentiert werden. Zum abgelegenen Kulturforum würden mehr Besucher als bisher gelockt. 2011 zogen die Alten Meister 277.000 Besucher an. Auf der Museumsinsel würden sie mehr Publikum finden.

• Es gäbe in den Räumen der Gemäldegalerie Platz für die private Sammlung Pietzsch, die Berlin nur unter der Voraussetzung erhält, dass sie tatsächlich ausgestellt wird.

Der Umzug der Gemäldegalerie ist nur ein Baustein in der Neuordnung der Berliner Museen. Ziel ist, dass auf der Museumsinsel langfristig die Kunst von der Antike bis zum 19. Jahrhundert präsentiert werden soll. Auf dem Kulturforum - also in der Gemäldegalerie und der benachbarten Neuen Nationalgalerie - soll die Kunst des 20. Jahrhunderts konzentriert werden. Der Hamburger Bahnhof soll als Museum der Gegenwart der zeitgenössischen Kunst vorbehalten bleiben.

Die Neue Nationalgalerie, ein Mies-van-der-Rohe-Bau von 1968, sowie das Pergamonmuseum auf der Museumsinsel werden ab 2014/15 für mehrere Jahre geschlossen und saniert. Die außereuropäischen Sammlungen werden aus Dahlem in den Schlossneubau Unter den Linden ziehen, sobald dieser voraussichtlich 2019 fertiggestellt sein wird. Ein Ende der 1,5 Milliarden Euro teuren Umgestaltung der Museumsinsel ist also nicht vor 2025 abzusehen.

Von Mark-Christian von Busse

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