Pawel Althamer und sein Unternehmen „Almech“ im Deutschen Guggenheim Berlin

Museum als Kunstfabrik

Hier wird wirklich gearbeitet: Pawel Althamer hat die Fabrik seines Vaters in die Deutsche Guggenheim verlegt. Fotos:  Deutsche Guggenheim

Berlin. Ein Gefühl fast wie im Zoo. Eine Schulklasse stürmt herein und betrachtet hinter einer Scheibe arbeitende Menschen im Deutschen Guggenheim. Im gläsernen Käfig nehmen zwei Frauen gerade einen Abdruck vom Gesicht einer Freiwilligen, während ein junger Mann vorliegende Masken mit dem letzten Feinschliff versieht. Eine Reihe fertiger Skulpturen, ganz in Weiß, säumt den Weg. Es sind menschliche Figuren, geformt aus einem Metallskelett und Kunststoffbandagen, mit den Porträts der Besucher.

Sie alle halten die Augen geschlossen wie Totenmasken. Nun stehen oder sitzen sie in der Kunstfabrik, die Pawel Althamer konzipiert hat. Der polnische Künstler, der in Aktionen und Installationen immer wieder die Grenzen des Kunstbetriebs in Frage stellt und dabei Menschen unterschiedlicher Lebenswelten einbezieht, hat die Arbeiter aus einem Vorort von Warschau mitgebracht. Dort befindet sich die Plastikfabrik seines Vaters, die auch der aktuellen Ausstellung ihren Namen gibt: „Almech“.

Zwei altertümlich anmutende, grüne Plastik-Maschinen rattern vor sich hin, ebenfalls importiert aus seiner Heimat. Geräuschvoll verrichten die Kessel ihren Dienst in einem zweiten Schaukubus aus Glas. Sie spucken wie Nudelmaschinen weiße, weiche Masse aus, die von den Arbeitern über den Metallskeletten angebracht wird wie Hautlappen.

Seit Mitte der 90er-Jahre entwickelt der Künstler auf den Spuren der „sozialen Plastik“ Projekte mit Kindern, Obdachlosen, Nachbarn, Freunden oder Kollegen. 2009 überließ er in „Frühling“ seine Ausstellung in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum den Schulkindern der Stadt. Diesmal sind es die Angestellten der Deutschen Bank, Guggenheim-Mitarbeiter und interessierte Besucher, deren Gesichter in die Kunstgeschichte eingehen. Sie sind eingeladen, sich online zu bewerben (deutsche-guggenheim.de/mobile/althamer), um als Skulptur Teil der Schau zu werden. Sitting Bull trifft dort auf eine Frau mit Freiheitsstatue in der Hand. Pierre und Hans Joachim sind noch in Arbeit.

„Super“, schrieb ein Besucher ins Gästebuch: „So macht zeitgenössische Kunst Spaß!“ Ein anderer findet die als „work in progress“ konzipierte Ausstellung „schlecht“. Vielleicht, weil Kunst hier ganz alltäglich wird? Vielleicht ist ihm auch das Museum keine Fabrik und die Fabrik keine Kunstproduktion. Trotzdem schön, den Arbeitsprozess künstlerisch gewürdigt zu wissen. Nicht zu vergessen, dass die hurtige Kunstherstellung bei manchen von Althamers Kollegen einer Fabrikation nicht unähnlich scheint. Gute Anspielung.

Bis 16. 1., Unter den Linden 13-15. Mo-So 10-20 Uhr. www.deutsche-guggenheim.de

Von Andrea Hilgenstock

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