Musik auf der Baustelle: Konzert in der Martinskirche

Gelungenes Experiment: Kantor Eckhard Manz (rechts) mit der Kantorei St. Martin in der Martinskirche. Foto: Fischer

Derzeit ist die Kasseler Martinskirche eine Baustelle. Das heißt aber nicht, dass man hier nicht Musik machen könnte. Die Kantorei St. Martin wagte ein spannendes Experiment.

Kassel. Die Gerüste türmen sich auf mehreren Ebenen bis unter das Gewölbe, flackernde Lichter erhellen die Martinskirche, die derzeit eine riesige Baustelle ist. Etwa 150 Menschen haben sich hier eingefunden, um alter Chormusik zu lauschen. Eine eigentümliche Konzertatmosphäre, in der sich ein unfertiger Raum und vollendete Musik begegnen.

Zu Anfang hat sich die Kantorei St. Martin geteilt. An beiden Enden des Raums stehen die Sänger, in der Mitte hat sich Chorleiter Eckhard Manz positioniert, um die Chorsätze „Wohl denen, die das wandeln“ und „Tue wohl deinem Knechte“ von Heinrich Schütz zu dirigieren - zwei doppelchörige Motetten aus dem „Schwanengesang“, die der 86-jährige Heinrich Schütz 1672, im Jahr seines Todes, komponierte.

Jener Heinrich Schütz, der in Kassel seine erste musikalische Ausbildung erhielt. Ein Hörerlebnis, wie die ganz von der Wortdeklamation bestimmte Musik den Raum von zwei Seiten erfüllt. Das wird noch gesteigert bei der dreichörigen Motette „Nunc dimittis“ von Schütz’ venezianischem Lehrer Giovanni Gabrieli. Drei kompakte Chöre, deren Klang fast so fest steht wie das Gemäuer.

Dann wird es akrobatisch. Die Sänger erklimmen die zweite Gerüstebene und singen dort die Motette „Deo Gratis“ des Renaissance-Meisters Johannes Ockeghem, ein Kanon, der in bis zu 36 Stimmen aufgefächert werden kann. Ein Experiment, das einen kleinen Wackler zur Folge hat, aber dennoch dieses außergewöhnliche Konzert krönt.

Ein Hörerlebnis ganz anderer Art bescherte der Perkussionist Olaf Pyras den Zuhörern zwischen den Chorwerken mit den Klangsteinen der Martinskirche und einem Metallofon - bis hin zu einem gestrichenen, sphärischen „Stein-Flageolett“. Sehr langer Beifall.

Von Werner Fritsch

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