Bruce Springsteens neues Album

64 und kein bisschen leise: Bruce Springsteens neues Album

Rocker, Geschichtenerzähler, Songwriter: Bruce Springsteen hat für das neue Album in seinem großen Song-Archiv gekramt. Foto:  Sony

Du kannst getötet werden, nur weil Du die falsche Hautfarbe hast. So lässt sich eine der kontroversesten Zeilen im Werk von Bruce Springsteen verstehen. Geschrieben hatte er „American Skin (41 Shots)“, nachdem der afrikanische Einwanderer Amadou Diallo 1999 von New Yorker Polizisten mit 41 Schüssen getötet worden war.

Die Cops hatten ihn angeblich für einen gesuchten Vergewaltiger gehalten und geglaubt, er wolle eine Waffe ziehen. Tatsächlich war es eine Geldbörse. Er wolle nicht die Polizei anprangern, sondern den alltäglichen Rassismus, hatte der Songwriter aus New Jersey gesagt.

Doch Springsteen hat sich mit dem kritischen Lied viel Ärger und Boykottaufrufe von Polizisten für den Schutz seiner Konzerte eingehandelt. Mundtot machen lässt sich der mittlerweile 64-Jährige auch durch scharfe Kritik nicht, wie er auf seinem neuen Album beweist.

Wieder im Live-Repertoire

Auf „High Hopes“ ist „American Skin“ nun erstmals als Studioversion erschienen. Springsteen hatte es wieder in sein Live-Repertoire aufgenommen, als bei einem ähnlichen Vorfall 2012 der Schwarze Trayvon Martin erschossen wurde.

Das neue Album ist ungewöhnlich. Springsteen hat aus seinem schier unerschöpflichen Fundus zwölf, größtenteils unveröffentlichte, Songs geholt, dazu auch drei Coverversionen – wie das Titelstück von der Band Havalinas.

Faszinierend ist die Neuauflage von „The Ghost of Tom Joad“, das Springsteen bereits auf dem gleichnamigen Album (1995) in einer Akustikvariante veröffentlicht hat. Nun ist die Ballade, die das Schicksal mexikanischer Einwanderer mit der Literatur John Steinbecks verschränkt, als treibende Rocknummer auferstanden – und das als Duett mit Tom Morello von Rage Against The Machine, der auf sieben Stücken mitwirkt.

Mit seiner Gitarre bringt er einen ganz neuen Sound in das Gefüge der E-Street-Band – und schlägt vielleicht eine musikalische Brücke zur nächsten Generation.

Die Songs klingen in einigen Fällen etwas überproduziert, die Producer hätten mit den Effekten ein wenig sparsamer sein sollen.

In den Liedern trifft man Figuren, wie sie seit jeher das Springsteen’sche Universum bevölkern, vom Vietnam-Veteranen bis zum Unterwelt-Gangster, die irgendwo zwischen Depression und Hoffnung balancieren.

Man mag es als Pose abtun, wenn der Star diese Kleine-Leute-Geschichten erzählt. Doch tatsächlich bleibt er im Rock-Mainstream eine Ausnahmeerscheinung – und auf die Qualität seiner Musik und Texte ist ohnehin Verlass.

Bruce Springsteen: High Hopes  (Columbia), auch als Version mit DVD,

Wertung: 4 von 5 Sternen

Von Olaf Dellit

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.