Musik als Drama: Dirigent Yoel Gamzou und das Staatsorchester Kassel

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Immer hohe Intensität: Yoel Gamzou dirigiert das Staatsorchester Kassel

Kassel. Richard Strauss hat das Grausame so verpackt, dass es nicht verstört. In seiner Tondichtung „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ rückt er die Geschichte vom Spaßmacher, der der Gesellschaft den Spiegel vorhält und dafür mit dem Leben bezahlt, in historische Ferne: „Es war einmal“, sagt die launige Einleitung, und ein seufzendes „Ja. so war’s“ der ebensolche Schluss.

Doch was dazwischen passiert, wie Till zu Pferde durch die Marktweiber reitet, wie er einen Pastor parodiert und wie er lachend einen Gassenhauer zum Besten gibt, das wurde beim Sinfoniekonzert des Kasseler Staatsorchesters auf ungeheuer plastische und pointierte Weise lebendig. Es war das letzte Konzert des scheidenden Ersten Kapellmeisters Yoel Gamzou (28), der Kassel im Sommer verlässt, und in der übervollen Stadthalle war die Spannung dieser dann gar nicht so gemütlichen Musik zu spüren.

Die Gewalttätigkeit des Gerichts mit der geballten Macht der Blechbläser gegen den Außenseiter Till, der mit einem letzten Verzweiflungsschrei der hohen Klarinette sein Leben aushaucht, teilte sich so unmittelbar mit, weil Gamzou auf das beschönigende Augenzwinkern verzichtete.

Stefan Hadjiev

Der Einzelne und die Gesellschaft - dieser Antagonismus ließ sich auch im zweiten Cellokonzert von DmitriSchostakowitsch entdecken. Der absteigende Sekundschritt, üblicherweise ein Klagemotiv, bestimmt den ersten Satz des späten Werks, doch scheint es weniger Klage als vielmehr ein trockenes Nicht-Einverständnis zu sein, was Schostakowitsch artikuliert. Jedenfalls wenn das Konzert so unsentimental, mit hoher Dichte, mit intensivem, aber niemals forciertem Ton gespielt wird wie vom Gastsolisten Stefan Hadjiev. Toll, wie Solist und Orchester kommunizierten. Mal durchkreuzt die Solostimme im ersten Satz die Harmonie, mal lässt sie sich, wie im zweiten Satz von der Motorik des Orchesters einfangen. Und nach der eindringlichen Kadenz zu Beginn des Finales geht es hin und her zwischen Anpassung und Auflehnung. ehe zum langen Cello-Schlusston das Orchester in einem mechanischem Rhythmus erstarrt. Viel Beifall für diese aufrüttelnde Musik - und Bachs d-Moll-Sarabande als Zugabe Hadjievs.

Viel verlangte Yoel Gamzou dem Publikum mit 14 Sätzen aus den „Romeo-und-Julia“-Suiten von Sergej Prokofjew ab - immerhin eine knappe Stunde Musik. Doch die Geduld wurde belohnt, auch weil das Orchester die anspruchsvolle Partitur bravourös meisterte.

Ausdrucksstark, farbig, mit viel rhythmischer Energie ließ Gamzou musizieren, vom anfänglichen berühmten Kraft-Thema der „Montagues und Capulets“ über den geisterhaften „Tanz“ bis zum pathetischen Finale „Romeo an Julias Grab“, in dem sich die vom Orchestertutti gewaltsam herausgeschrieene Trauer in der Trostlosigkeit einsamer Töne von Piccoloflöte und Bassklarinette verliert.

Ebenso intensiv wie die Musik war der anschließende Beifall: Standing Ovations, rhythmisches Klatschen und Blumen aus dem Publikum für den Dirigenten Yoel Gamzou. Und der Jubel wiederholte sich noch einmal nach dem als Zugabe gespielten mitreißenden „Morgentanz“. Ein Triumph!

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