Die kanadische Band Arcade Fire hat ein verstörend gutes drittes Album aufgenommen

Musik für Heimatlose

Kreatives Kollektiv: Die kanadische Band Arcade Fire um das Ehepaar Win Butler (rechts) und Regine Chassagne (Mitte) hat ihr drittes Album „The Suburbs“ veröffentlicht. Foto: Kayne / Cityslang

Nur Kinder wissen nicht, dass die Kindheit viel zu kurz ist. Dass man sich irgendwann zurücksehnen wird nach dem Geruch des Elternhauses und den Straßen, in denen man Radfahren und leben lernte und zum ersten Mal seiner Mutter das Auto wegnahm.

Die kanadische Band Arcade Fire ist für ihr drittes Album „The Suburbs“ dieser Sehnsucht nachgegangen. Jeder der acht Musiker machte sich auf in die Vorstädte, in denen er aufgewachsen ist. Die Songs, die aus diesen Reisen entstanden sind, setzen nicht nur der entseelten Umgebung der modernen Großstädte ein Denkmal. Sie sind auch Ausdruck der Enttäuschung, dass die Heimat von damals heute kein Zuhause mehr ist.

Das bunte Musikkollektiv Arcade Fire, das zusammen in einer Kommune in Montréal lebt, gehört wohl zu den spannendsten Pop-Phänomenen des neuen Jahrtausends. Seit ihrer Gründung 2002 werden sie gleichermaßen von Kritikern gelobt und vom Publikum geliebt. Zu ihren prominenten Fans zählen U2-Sänger Bono Vox und David Bowie, ihre entrückten Traumtänzerlieder funktionieren sowohl als Soundtrack für wohltuende Einsamkeit als auch zur Untermalung des Vampir-Blockbusters „Twilight“.

Nach „Funeral“ (2004) und „Neon Bible“ (2007) ist „The Suburbs“ das dritte Meisterwerk von Lead-Sänger Win Butler und seiner Musikerfamilie. Obwohl Arcade Fire ihrer Vorliebe für entspannte Folk-Rhythmen treu bleiben, haben sie diesmal kein Akustikalbum aufgenommen. Den Titel „Month of May“ mit seinen nervösen E-Gitarren muss man Punkrock nennen, durch „Half Light II (No celebration)“ wabern dunkle Synthesizer.

Über allem schwebt jedoch Win Butlers vertraut hysterisch und verloren klingender Gesang. Seine Ehefrau Regine Chassagne säuselt wie eine aufgescheuchte Fee im Hintergrund. So üppig die Orchestrierung auch sein mag, es sind diese verstörend schönen Stimmen, die den Sog der Lieder ausmachen.

Ein Kritiker des „Spiegel“ hat die Frage gestellt, ob man ein guter Mensch sein kann, ohne Arcade Fire zu mögen. Wahrscheinlich kann man das, aber es ist schwer, sich den wuchtigen Geschichten von Nostalgie und dem Ende der Geborgenheit zu entziehen. Wenn Entwurzelung so klingen kann, ist man plötzlich nicht mehr sicher, ob man wieder nach Hause will.

Arcade Fire: The Suburbs (City Slang). Wertung: !!!!!

Von Saskia Trebing

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