Fast ausverkaufte Premiere

Kasseler Staatstheater zeigt den Musicalklassiker „The Sound of Music"

Munteres Trüppchen: Die verkleideten Kinder singen dem Papa (Gunnar Seidel) ein Lied vor, Kindermädchen Marie (Karolin Konert) dirigiert. Foto: Klinger

Kassel. Aus Tischdecken und Vorhangtroddeln haben die sieben Kinder sich Kostüme gebastelt, haben sich Salatsieb und Sofakissen zum Schmuck auf den Kopf gebunden. Das gut gelaunte Trüppchen möchte dem Vati vorsingen - und lieber diese improvisierten Gewänder tragen statt der verhassten Uniformen.

Das Singen ist im Musical „The Sound of Music“ der Schlüssel zu Lebensglück und Selbstentfaltung. Aus den militärisch gedrillten Kindern des verwitweten Kapitäns Georg von Trapp (Gunnar Seidel) werden durch die Gesangsstunden von Kindermädchen Maria (Karolin Konert) lebenslustige Wirbelwinde, die auch den innerlich versteinerten Papa wieder mit Lebensmut erfüllen. Prompt klappt’s mit dem Familienglück, mit der Liebe und gar mit dem Widerstand gegen die Nazimachthaber in Österreich 1938.

Philipp Kochheim inszeniert den Musicalklassiker von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II am Kasseler Staatstheater, bei der fast ausverkauften Premiere am Samstag gab es langen Applaus im Stehen.

Musicaltypische opulente Tanzszenen und große Gesangsnummern, die den Gefühlspegel der Zuschauer in Richtung emotionale Überwältigung ausschlagen lassen würden, fehlen „The Sound of Music“. Doch Kochheim und Dirigent Alexander Hannemann geben den Stärken des Stücks liebevoll den angemessenen Raum: dem Charme, der Frische und einer tiefen Menschlichkeit. Hannemann kleistert Titel wie „My Favourite Things“ oder „Climb every Mountain“ nicht mit Akustikpathos zu, sondern streicht musikalisch vielfarbig und mit feinem Pinsel. Schmissig wirds im Duett „How can Love survive“ der Nebenfiguren Max (Alexander Franzen) und Elsa (Elisabeth Sikora), eine witzige Einlage ist das Ziegenhirtenlied, das als Schattentheater hinter einem Bettlaken gezeigt wird (Bühne: Thomas Gruber, Kostüme: Mathilde Grebot). Das Staatsorchester spielt Ländler, Walzer, und das Publikum klatscht beim Radetzkymarsch sofort mit.

In vielen Momenten stellt sich die Gänsehaut ohnehin von selbst ein. Daran hat die wunderbare Hauptdarstellerin Karolin Konert einen gewaltigen Anteil: Sie singt und spielt die angehende Nonne Maria, die so gar nicht fürs Kloster geschaffen ist und ihr (Liebes-)Glück in der Trappfamilie findet, mit herzerwärmender Natürlichkeit. Ihre stürmische Rückkehr von einer Bergwanderung („The Sound of Music“) und die emotionale Begegnung mit Lona Culmer-Schellbach als Mutter Oberin im Kloster sind ganz mädchenhaft, später, wenn sie die Verantwortung für die Kinder-Rasselbande hat, werden Ausstrahlung und Stimme wärmer, fraulicher. Gunnar Seidel bewältigt die vielen Stimmungsumschwünge des Kapitäns souverän. Standhaft bleibt er gegen die bedrängende Nazipräsenz, die später mit Videoeinspielungen von Hitler plus Schäferhund optisch fast zu übermächtig wird.

Zentrum und Höhepunkt des Abends aber sind die sieben jungen Darsteller der Trapp-Kinder. Sehr ernsthaft und professionell meistern sie ihre Tanz- und Gesangsaufgaben (Choreografie: Sean Stephens), etwa beim Gute-Nacht-Lied „So Long, Farewell“, bei dem jeder eine winzige Soloeinlage hat.

Dabei sind sie so bezaubernd anzuschauen, dass man schon ein Herz aus Stein haben müsste, um davon nicht angerührt zu sein.

Wieder am 7., 14., 24.11., Karten: 0561-1094-222.

Maria Rainer: Karolin Konert Oberin: Lona Culmer-Schellbach

Bertha: Annabelle Corine Mierzwa

Margareta: Jessica Krüger

Sophia: Eva-Maria Kuperion

Georg von Trapp: Gunnar Seidel

Liesl von Trapp: Judith Caspari

Friedrich von Trapp: Benjamin Klein / Fabian Reinbott

Louisa von Trapp: Lotta Rink / Alexandra Aykaeva

Kurt von Trapp: Henricus Bracht / Fynn Rogall

Brigitta von Trapp: Mira Meske / Emma Töppler

Marta von Trapp: Chiara Baumgärtel / Sofia Meißner

Gretl von Trapp: Charlotte Geismann / Pauline Roppel

Rolf Gruber: Markus Schneider

Elsa Schrader: Elisabeth Sikora

Max Dettweiler: Alexander Franzen

Franz, der Diener: Dieter Hönig

Frau Schmidt: Joke Kramer

Herr Zeller: Bernhard Modes

Baron Elberfeld: Dankwart Pankow-Horstmann

Baronin Elberfeld: Eva Maria Kuperion

Von Bettina Fraschke

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