Peter Gabriel über sein neues Album mit Cover-Songs und seinen 60. Geburtstag

„Musik ist wie Kindermachen“

Als extrovertierter Frontmann von Genesis trat er mit Masken auf. Als Solist ließ er den „Sledgehammer“ zum meistgespielten MTV-Video aller Zeiten kreisen und machte sich als Weltmusik-Botschafter verdient. Für sein Album „Scratch My Back“ setzte der 60-Jährige auf den Klangkörper eines Orchesters und den Songkanon berühmter Kollegen.

Viele sehen die Pausen zwischen Ihren Alben als Sünde.

Peter Gabriel: Ist es nicht fragwürdiger, alle zwei Jahre eine Platte herauszubringen? Musikmachen ist wie Kindermachen, man kreiert etwas Neues, für das man sich vor und nach seiner Geburt Zeit lassen muss. Mich hetzen weder Termine, mein Ego noch die Sichtbarkeit meiner Potenz.

War das jemals anders?

Gabriel: Junge Männer, die eine Bühne erklommen haben, stehen nicht zuletzt da oben, weil ihre Sichtbarkeit die Chancen auf sexuelle Abenteuer erhöht. Auch ich lebte meine Fantasien früher eher auf der Bühne als im Privatleben aus. Sex als Antriebskraft hat zur Massennutzung vieler Neuerungen beigetragen.

Sie meinen das Internet?

Gabriel: Internet, DVD, Videorekorder, Polaroidkamera - die Reihe ließe sich fortsetzen. Die Porno-Industrie hat diese Werkzeuge oft zuerst entdeckt und zu deren Verbreitung beigetragen. Inzwischen werden sie auch von der Kirche genutzt.

Sind Sie vom intellektuellen Nutzen des Internet enttäuscht?

Gabriel: Nein, das Internet ist das virtuelle Abbild eines Marktplatzes. Leute wollen kaufen, verkaufen oder ihr Leben durch den Blick durch das Schlüsselloch interessanter gestalten. Es wird noch ein bisschen dauern, bis wir zu einem meditativen Nutzen finden werden. Bis dahin spiegeln sich sämtliche menschlichen Bedürfnisse und Sehnsüchte im Netz. Das ist ein Istzustand, der weder gut noch schlecht ist.

Wie sieht Ihr Istzustand aus?

Gabriel: Mit 60 bin ich entspannter als mit 40. Ich führe ein interessantes Leben, kann viel reisen, habe eine tolle Familie und kann Musik machen, wann immer ich will. Und ich kann an Aktionen teilnehmen, mit denen die Rechte von Menschen untermauert werden, die von Folter bedroht sind.

Erfüllte Ihr Erforschen der Weltmusik einen Mehrwert?

Gabriel: Unbedingt. Ich habe in allen Ecken der Welt Leute getroffen und Musik oder Liebe mit ihnen gemacht. Das waren effektive Formen der Begegnung, weil sie zu meiner Demaskierung führten. Als Schüler habe ich englische Verhaltensregeln verachtet und wählte die Musik, um Facetten meiner Persönlichkeit eine Plattform zu schaffen, die es am Internat zu kontrollieren galt.

Mit dem Album schließt sich der Kreis Ihres Ausbruchsversuchs, weil es nur Songs angelsächsischer Kollegen enthält.

Gabriel: Stimmt, es ist der Umkehrschluss meiner Bemühungen der letzten 30 Jahre. Ich fand es zur Abwechslung erholsam, nicht dem Image des Innovators entsprechen zu müssen, der sich in einem Dschungel aus Sounds verläuft. Ich habe die Konzentration auf ein Orchester als alleinigen Klangkörper schätzen gelernt. Die Idee eines Austauschs zwischen mir und anderen Songschreibern schien verlockend. Ich genoss den Zustand, nicht ultimative Versionen liefern zu müssen, weil jeder etwa David Bowies „Heroes“ kennt.

In Ihren teils großorchestralen, teils an die Minimal Music angelehnten Arrangements gewinnen die Songs an Schwere.

Gabriel: Die ist beabsichtigt. Denn meine Stimme wird immer dunkler. Die Texte gewinnen in meinen kargen Arrangements an Verständlichkeit.

Was ist anders als mit 40?

Gabriel: Mein Blick auf die Welt ist detailreicher geworden. Wenn mir früher eine Frau begegnete, stellte mein Instinkt sofort die gleiche, alte Frage: Würde ich oder würde ich nicht? Heute kann ich ein erwachsenes Album veröffentlichen und fühle mich wegen der inneren Ruhe nicht unattraktiv.

Peter Gabriel: Scratch my Back (Virgin/EMI)

Von Michael Loesl

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