"Musik muss emotional sein": Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch im Interview

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Mehr als ein Jahrzehnt hat Marcus Wiebusch mit seiner Band Kettcar erfolgreich Indie-Rock gemacht. Irgendwann standen die mit dem Punk groß gewordenen Musiker sogar im Vorprogramm von Coldplay auf der Bühne. Nun legt der Hamburger sein erstes Soloalbum „Konfetti“ vor, das immer noch nach Kettcar, aber auch ganz anders klingt. Wir sprachen mit dem 45-Jährigen.

Herr Wiebusch, soll ich Sie mit „Yo Digger“ begrüßen? Sie sind ja jetzt vom Rockmusiker zum HipHopper geworden.

Marcus Wiebusch: „Yo Digger“ passt, aber Sprechgesang habe ich auch schon früher in meiner Band ... But Alive gemacht. Diesmal war bereits vor dem Schreiben klar, dass ich ein sehr inhaltsbezogenes Album machen würde. Die ersten Songs bestanden aus sehr langen Texten, so dass Sprechgesang alternativlos war. HipHop ist toll, weil er dem Wort sehr viele Ausdrucksmöglichkeiten bietet.

Das Album klingt mit seinen Balladen, den orchestralen Songs und den Electro-Tracks sehr abwechslungsreich. Wollten Sie mal das tun, was Sie bei Kettcar nicht machen konnten?

Wiebusch: Wir waren auch bei Kettcar variabel, nur nicht so radikal. Diesmal war es schon deswegen einfacher, weil ich niemanden fragen musste. Ich hatte einfach Lust, etwas zu machen, ohne dass irgendwelche Bedenken kamen. Manche Produzenten sagten: „Du musst das so machen, dann wird es richtig geil.“ Ich habe geantwortet: „Wir machen das so, wie ich sage. Dann wird es vielleicht nicht richtig geil, aber dann wird es richtig Marcus Wiebusch.“

Selten hat man Sie so wütend gehört wie in „Der Tag wird kommen“, in dem es um Homosexualität und Fußball geht. Das sieben Minuten lange Lied gab es schon, als sich der Ex-Profi Thomas Hitzlsperger outete. Haben Sie die Reaktionen auf das Bekenntnis bestärkt, dass der Song richtig ist?

Wiebusch: Ja, im Song geht es darum, dass es ganz vielen Menschen egal ist, ob ein Fußballprofi schwul ist oder nicht. Ich finde es unfassbar, dass es heute immer noch ein gesellschaftliches Feld gibt, in dem sich niemand traut, sich zu outen. Ich habe lange recherchiert und mit Sportjournalisten geredet sowie mit Corny Littmann, dem ehemaligen Präsidenten des FC St. Pauli, der homosexuell ist. Zudem wollte ich das Thema nicht in einem Sachbuch behandeln. Deshalb klinge ich so wütend und bezeichne Vollidioten als das, was sie sind. Musik muss für mich emotional sein.

Wie lang dauert es noch, bis sich ein aktiver Profi outet?

Wiebusch: Keine Ahnung. Der Tag wird auf jeden Fall kommen. Wenn Sie mir vor zehn Jahren gesagt hätten, dass wir mal einen schwulen Außenminister haben, der in Länder reist, in denen Homosexualität unter Strafe steht, dann hätte ich gesagt: „Das wird niemals passieren.“

„Nur einmal Rächen“ ist eine Hymne auf die Mark Zuckerbergs dieser Welt, die schrägen Technik-Nerds, die früher keiner leiden konnte und die nun mit ihren Firmen die Welt beherrschen. Beneiden Sie diese Typen manchmal?

Wiebusch: Keine Sekunde. Ich glaube, diese Menschen sind oft gebrochene Typen, die an ihrer Sozialisation zu knabbern haben. Wie der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, der sich an den reichen Sportlern aus der Oberschicht rächt, die ihn wie Dreck behandeln. Jeder kennt solche Typen, die man im Sportunterricht als letzte in die Mannschaft gewählt hat. Durch ihr technisches Know-how können sich die Nerds rächen. Das gab es vor 20 Jahren noch nicht.

„Konfetti“ stellt viele gesellschaftliche Fragen. Glauben Sie, dass Ihre Fans nach dem Hören anders denken?

Wiebusch: Ich bin nicht eitel genug, um mir darüber Gedanken zu machen. Oft wird unterschätzt, wie sehr man Musik für sich selbst macht. Wenn ich einen Song wie „Der Tag wird kommen“ schreibe, dann mach ich den in erster Linie für mich selbst. Wenn das 100 000 andere auch gut finden, freut mich das. Besonders hat mich die Reaktion meines Bruders gefreut, der homosexuell ist und den Song richtig abfeiert.

Marcus Wiebusch: Konfetti (Grand Hotel van Cleef).

Wertung: vier von fünf Sternen

Zur Person

Geboren: am 19. Juli 1968 in Hamburg Karriere: Der Sänger und Gitarrist begann in der Punkband ... But Alive und der Ska-Formation Rantanplan. 2001 gründete er die Indie-Rockband Kettcar, die mit Tomte zum Aushängeschild der Hamburger Musikszene wurde. Mit Tomte-Sänger Thees Uhlmann und Kettcar-Bassist Reimer Bustorff betreibt Wiebusch die Plattenfirma Grand Hotel van Cleef. Privates: Lebt mit seiner Frau und zwei Söhnen in Hamburg und ist seit 25 Jahren Dauerkartenbesitzer beim FC St. Pauli.

Von Matthias Lohr

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