Neue CD: Das Alte-Musik-Ensemble L’Arpeggiata erkundet den Kulturmix am Mittelmeer

Musik aus dem Olivenland

Majestätische Basslaute: Christina Pluhar Foto: Virgin Classics

Wer weiß, kleine Schwalbe, woher du kommst? fragen die beiden Sänger im griechischen Lied „Are mou rindineddha“ und erkundigen sich beim Vögelchen „Welche Meere hast du überquert, um mit dem schönen Wetter hier zu sein?“. Das Volkslied eröffnet die neue CD von Christina Pluhars Alte-Musik-Projekt L’Arpeggiata. „Mediterraneo“ erkundet die Musikkultur des Mittelmeerraums - will erforschen, welche Gemeinsamkeiten es über die Gestade hinweg gibt. Dabei ist Mittelmeerraum definiert nach der „Olivenbaumgrenze“ - also als die Region, wo Oliven wachsen. So passt auch Portugal ins Bild.

Die Lauten-Spielerin Pluhar startet in einem kleinen, wenig bekannten Kulturraum: Bei der griechischsprechenden Bevölkerung des süditalienischen Salento und Kalabriens. „Griko“ heißt die uralte Sprache, die noch aus Zeiten stammt, da die Region byzantinisch geprägt war. Selbst nach 1945 wurde sie noch in einem guten Dutzend süditalienischer Dörfer gepflegt. Die musikalische Verbindung zwischen Süditalien und Griechenland wird ergänzt durch die Araber, die ab dem 9. Jahrhundert im Mittelmeerraum vordrangen - neue Rhythmen und Melodien eroberten die Ohren der Bevölkrung.

Die türkische Qanun und die griechische Lyra kommunizieren auf der Aufnahme mit dem barocken Psalterion und der portugiesischen Fadogitarre. Und Pluhars Theorbe, die majestätische Basslaute, übernimmt die Begleitung bei dem Musikprogramm zwischen Volkskunst und Barock.

Speziell die süditalienische Musikkultur der Tarantella – der rituellen Behandlung eines Bisses der giftigen Tarantel mit Musik und Tanz – stand schon einmal im Zentrum eines Albums von Pluhar: bei „La Tarantella“ . Wie in solchen früheren Projekten von L’Arpeggiata ab dem Jahr 2000, macht die Grazerin mit Wohnort Paris alte Musik neu zugänglich, arbeitet dabei aber nicht museal-akademisch, sondern lebendig und sehr sinnlich. Dabei wird die Kitschgrenze nie überschritten.

So ist mit „Mediterraneo“ ein abwechslungsreiches, frisches Album entstanden, das Staunen lässt und die Erkenntnis deutlich macht: Das Meer trennt nicht, es verbindet. Eine Zusatz-DVD gibt Einblicke in die Aufnahmesituation, wo das Miteinander, der fließende, wortlose Austausch der Ausnahmemusiker wunderbar spürbar wird.

Pluhar versammelt erneut ein hochkarätiges Ensemble, etwa die katalanische Sopranistin Nuria Rial und Fado-Grande-Dame Mísia, unter anderem zu hören mit dem todtraurigen „Sem saber“. Der Lissaboner Fado weist traditionell arabische Einflüsse auf, etwa in Verzierungen und Moll-Harmonik. Aus der Türkei kommen Aytac Dogan und Ismail Tuncbilek zum Ensemble, Stars an den Zupfinstrumenten Qanun und Saz.

Nach Neapel ins 17. Jahrhundert führt schließlich „Tres Sirenas“, wo es fast scheint, als habe Pluhar den wehmütigen Liedtext der „drei Sirenen“ für das CD-Konzept aufgegriffen: „Du musst dich erinnern, was die See dir erzählt, dann wirst du wieder in diesen Hafen zurückkehren.“

Christina Pluhar/ L’Arpeggiata: „Mediterraneo“ (Virgin Classics), Wertung: !!!!!

Von Bettina Fraschke

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