Kasseler Gustav-Mahler-Festtage: Jubel für Yoel Gamzou und seine neunte Sinfonie

Bis die Musik schmerzt

Mit Mahlers Neunter an die Grenzen gehen: Yoel Gamzou dirigiert das Kasseler Staatsorchester. Foto: Malmus

Kassel. So fahl und leer kann ein Orchester klingen: Stockende Klangpartikel von Celli, Horn, Harfe, Bratschen. Dann nach langem Zögern so etwas wie ein thematisches Motiv: Ein Sekundschritt abwärts wird Symbol tiefer resignativer Sehnsucht. Mahlers neunte Sinfonie beginnt.

Als sie sich eineinhalb Stunden später in unendlich leisen, nicht aufhören könnenden Streichermotiven mehr aushaucht als endet, ist das Publikum in der ausverkauften Kasseler Stadthalle erledigt, erschüttert, aber auch fasziniert und beglückt.

Denn so radikal den Ausdrucksextremen ausgeliefert wie bei dem 24-jährigen Gastdirigenten Yoel Gamzou werden die Zuhörer üblicherweise nicht. Doch Gamzou ging interpretatorisch an die Grenze, wo Mahlers schmerzvoller Abschied vom Leben und seine Erinnerung an Glücksmomente kaum auszuhalten sind.

Diese Riesenpartitur zu bewältigen, das Staatsorchester irgendwie durch die Sinfonie zu steuern, wäre für die meisten jungen Dirigenten schon Herausforderung genug gewesen. Doch Yoel Gamzou, dieser Hochbegabung, steht das Handwerk fraglos zur Verfügung, und er verfügt über die Freiheit, die Grenzen dessen, was wir mit dieser Sinfonie verbinden, noch ein Stück weiter zu stecken.

Im ersten Satz: Wie er das Sekundmotiv vorbereitet, macht aus Sehnsucht extreme Sehnsucht; das Gefühl musikalischen Niemandslands zu Beginn der Durchführung steigert sich, so fragmentiert, zu kosmischer Verlorenheit, und die Streicher klingen nurmehr wie schweres Atmen. Dass sich in diesem Satz Schmerz und Lust nicht trennen lassen - Gamzou lässt es das Orchester herausschreien.

Im zweiten Satz, einer wilden Tanzparodie, setzt Gamzou nicht nur Ländler- und Walzer-charaktere gegeneinander, sondern lässt sie immer intensiver miteinander ringen. Noch intensiver der dritte Satz: Dass Virtuosität eine Form von Verzweiflung sein kann, lässt sich an den rasenden wilden Akzenten und Schlägen ablesen. Ein paar Bläserakkorde, ein Harfenglissando: Gamzou zieht blitzschnell Vorhänge auf, hinter denen sich immer neue Ausdruckswelten auftun, bis der Satz in irrer Raserei endet.

So entfesselt hat man das Staatsorchester selten erlebt. Eine Riesenleistung, bei der auch die punktuelle Überforderung einkalkuliert war. Dann das Adagio-Finale: Nach höchst gespannten Anfangstönen breitete sich zunächst tiefer Friede aus. Doch auch dieser Satz spannte sich bis zum Zerreißen - so schwer ist Abschiednehmen bei Mahler.

Nach einem Moment Stille erntete der überglückliche Dirigent Standing Ovations - und bedankte sich seinerseits bei fast jedem einzelnen Musiker.

Gustav-Maler-Festtage Kassel: Abschlusskonzert am Freitag, 19 Uhr, Opernhaus mit dem HR-Sinfonieorchester und Teodor Currentzis: Skrjabin: Rêverie, Mahler: Lieder eines fahrenden Gesellen, Schostakowitsch: 8. Sinfonie. Karten: Tel. 0561/1094-222.

Von Werner Fritsch

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.