Musik zu Trauer und Zuversicht: Chorkonzert der Kasseler Musiktage

Dirigent und Chorleiter: Eckhard Manz. Foto: Malmus/nh

Kassel. Es könnte banal wirken, eine Komposition über den 130. Psalm „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ einfach mit tiefen Instrumenten einzuleiten. Lili Boulanger (1893-1918) nimmt das in Kauf, wenn sie ihre Komposition „Psalm 130 - Du fond de l’abîme“ für Alt, Chor, Orgel und Orchester mit wirbelnden Pauken, Kontrabässen und tiefen Posaunen beginnen lässt.

Allerdings: Hier geht es nicht um irgendeine räumliche Tiefe, sondern die Musik teilt etwas von der tiefen Erschütterung mit, die viele Menschen - und auch die Komponistin selbst - im Jahr 1917, mitten im Ersten Weltkrieg, erlebten.

Diese Erschütterung ergriff am Samstagabend wohl auch alle Zuhörer in der voll gefüllten Kasseler Martinskirche am Beginn des Oratorienkonzerts der Martinskantorei, das in diesem Jahr das Zentrum der Kasseler Musiktage bildet. Lili Boulanger lässt in ihrem knapp halbstündigen Werk Verzweiflung und Hoffnung miteinander ringen.

Klage, in Form des bekannten Seufzermotivs, als Dissonanz, als chorische Klage, zunächst im Unisono, klart sich auf in Hoffnung. Meisterlich spielt Boulanger mit Hell-Dunkel-Schattierungen. Auch der Chor ist nicht nur Textträger, sondern Teil des Farbenspiels, ebenso wie die solistische Altpartie, der Anja-Maria Luidl dunklen Glanz verlieh.

Kantor Eckhard Manz führte die stimmlich wieder herausragende Kantorei und das klangstarke Orchester aus Musikern des Staatstheaters zu einer äußerst dichten Aufführung zusammen.

Ohne Pause - wie eine Fortsetzung des eben Gehörten schloss sich das deutsche Requiem von Johannes Brahms an. Verhalten, sehr langsam und fast zögernd setzte das chorische „Selig sind, die da Leid tragen“ ein. Wie wunderbar die Martinskantorei in der Lage ist, eine Piano-Spannung zu halten, zeigte dieser Satz.

Auch in den folgenden Sätzen nahm Manz die Tempi sehr zurück, und nicht immer blieb der Spannungsbogen gleichermaßen erhalten. Umso größer war jedoch der Kontrast zum geradezu entfesselt gesungenen und musizierten „Der Tod ist verschlungen in den Sieg“ im sechsten Satz.

Besondere Akzente setzten auch die Solisten. Markus Butter von der Dresdener Semperoper ist keiner, der die Baritonpartie des Requiems mit ruhiger Abgeklärtheit singt. Mit seiner farbenreichen Stimme betonte er stattdessen die dramatischen Momente. Und Marietta Zumbült ließ das Sopransolo „Ihr habt nun Traurigkeit“ souverän und mit großer Klarheit aufblühen.

In diesem Konzert offenbarte das Motto der Kasseler Musiktage „Immer Ende - immer Anfang“ seine existenzielle Dimension. Gleichzeitig erinnerte die Aufführung in der wegen einer Grundrenovierung entkernten Martinskirche an das Schicksal dieses im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bauwerks und an das der ganzen Stadt.

Lang anhaltender Beifall eines durchaus nachdenklichen Publikums.

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