Interview: Der Sänger Philipp Poisel über seine melancholischen Lieder und die Angst vor dem Tod

„Musik ist ein Ventil für Trauer“

Als Kind ist Philipp Poisel mit seinen Eltern immer nach Frankreich gefahren, nie aber nach Toulouse. „Dort fängt für mich die Freiheit an“, sagt der 27-Jährige, der sein zweites Album nach der südfranzösischen Stadt benannt hat. Auch auf „Toulouse“ überzeugt der von Herbert Grönemeyer mitentdeckte Sänger und Gitarrist mit stilsicherem Singer-Songwriter-Folk. Wir sprachen mit Poisel, der am 7. Februar in den Kasseler Nachthallen gastiert.

Auch auf dem Nachfolger Ihres hochgelobten Debüts „Wo fängt Dein Himmel an“ machen Sie zart-melancholische Musik. Gehört Traurigkeit elementar zu Ihrem Leben?

Philipp Poisel: Für mich ist Melancholie kein negatives Wort. Es ist eine Stimmung, bei der ich mich wohlfühle. Musik ist ein Ventil für Trauer. Ich habe auch eine heitere Seite, aber ich kann mir nicht vorstellen, lustige Musik zu machen.

Kann man durch Trauer Gefühle intensiver empfinden?

Poisel: Die Sehnsucht nach was auch immer spielt bei mir eine große Rolle. Unerfüllte Sehnsucht ist sehr spannend. Diese Platte ist für mich wie ein Tagebuch. Sie hilft mir, bei Frustgefühlen meinen Selbstwert zurückzubekommen.

Sie besingen Ihre Angst vor dem Tod. Was gab Anlass dazu?

Poisel: Ich habe eine Erfahrung im Krankenhaus gemacht, bei der ich mich damit auseinandersetzen musste. Ich hatte eine unklare Diagnose und musste auf alles gefasst sein. In dem Moment habe ich mich gedanklich schon mal warm angezogen. Mir wurde klar, dass ich überhaupt keine Lust hatte, zu gehen. Ich lag da auf dem Bett, und alle Menschen, die mir etwas bedeuteten, standen um mich herum. Aber es konnte mir niemand helfen. Da kann man die Hand so lange festhalten, wie man will. Diese Hilflosigkeit hat mich sehr belastet.

Ist es auch ein Stück Freiheit, so tief in den Abgrund geblickt zu haben?

Poisel: Die Angst bleibt natürlich, aber ich habe daraus ein positives Fazit gezogen. Wenn man übers Leben nachdenkt, muss man sich zwangsläufig auch mit dem Tod beschäftigen. Jedenfalls bin ich heilfroh, dass ich wieder gesund bin.

Ihre Arrangements wirken manchmal kantig, die Texte sind sperrig und Ihre Stimme klingt brüchig. Haben Sie auf „Bis nach Toulouse“ eine bewusste Verweigerung an den Massengeschmack eingebaut?

Poisel: Wenn ich an Musik herangehe, stelle ich mir nicht die Frage, was am Ende dabei rauskommt. Ich muss das ganze Drumherum vergessen, sonst komme ich zu keinem Punkt, der mich befriedigt. Mir geht es darum, etwas zu machen, was meinen Gefühlen entspricht. Würde das Resultat klingen wie Silbermond oder experimentell, dann wäre das einfach so.

Ihre Platten erscheinen auf dem Grönland-Label von Herbert Grönemeyer. Ist er Ihr Entdecker gewesen?

Poisel: Herbert hat einen maßgeblichen Einfluss darauf, welche Künstler auf seinem Label erscheinen. „Mitentdeckt“ trifft es wahrscheinlich ganz gut. Auf die Musik selbst nimmt Herbert jedoch überhaupt keinen Einfluss. Aber was das Herangehen ans Album betrifft, mentale Blockaden zum Beispiel, hat er mir schon einige Tipps geben können. Hin und wieder treffen wir uns und reden dann auch über psychologische Dinge.

Philipp Poisel: Bis nach Toulouse (Grönland/Rough Trade)

Poisels Konzert am 7. Februar in den Kasseler Nachthallen ist ausverkauft.

Von Olaf Neumann

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