Musik wächst als Tuschelinie: Kasseler Trickfilmer stellen Projekt vor

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Sie pustet mit einem Luftschlauch Tusche aufs Papier: Maja Oschmann, deren Arbeit gleichzeitig gefilmt wird.

Kassel. Wie sieht Musik aus? Eine Geigenmelodie, das Grummeln der Kontrabässe, der Dialog mehrerer Bläser? Es gibt zwei Kasseler, die dieser Frage seit eineinhalb Jahren ihr Leben widmen: Trickfilmer Thomas Stellmach und Künstlerin Maja Oschmann.

Sie arbeiten an einem experimentellen Film, der in sechs Minuten die Ouvertüre zur Oper „Der Alchymist“ von Louis Spohr in bewegten Bildern erzählt. Knapp drei Minuten sind nun fertig - der richtige Zeitpunkt, um der Öffentlichkeit das Projekt in einer Ausstellung im Kunsttempel vorzustellen. Am Donnerstag ist die Eröffnung.

Er verarbeitet die Tuschelinien am Computer weiter: Thomas Stellmach, der dazu ein Grafiktablett benutzt.

Poetisch, bewegend, überraschend: „Virtuos virtuell“ ist ein ganz besonderes Filmerlebnis. Schwarz auf weiß, Tusche auf Papier. Mit dem ersten Akkord tropft Farbe auf ein weißes Papier und verläuft in kleinen Ästchen. Jede Orchesterstimme lässt die Tusche in eine Richtung weiter verlaufen, wenn die Töne verklingen, zerfließt die Farbe aquarellig ins Zartgrau. Wenn im Piano die Flöten einsetzen, wächst wieder ein kleiner dunkler Farbpunkt, schlängelt sich in einer mutigen Linie voran - später bedrängt von den Bass-Klecksen, die ihm wenig Raum lassen. Musikalisch-bildliche Poesie. Die unglaublich aufwendig herzustellen ist. Mit der Rohrfeder zeichnet und einem Airbrush-Schläuchlein pustet Maja Oschmann die Tusche übers Papier. Das wird senkrecht von oben gefilmt. Jedes Tusche-Ästchen wird bis zu 180-mal aufgenommen.

Alle Blätter werden dann an die Wand gehängt und das Künstler-Duo entscheidet miteinander, welche Tusche-Ästelungen für diese bestimmte Musiksekunde am besten passen.

Das zugehörige Filmchen dazu kommt dann auf den Rechner von Thomas Stellmach, der ihn mit den bereits vorhandenen Sekundenfilmchen von anderen wachsenden Linien oder Klecksen zusammencollagiert. Eine Geduldsarbeit, die Puzzelei zweier Enthusiasten, die sich zwischen der Papier-, Computer- und Musikwelt permanent hin- und herbewegen. Und sich dafür sogar eine eigene Sprache angeeignet haben. Man muss Begriffe entwickeln, um Linien und Verläufe auch sprachlich zu fassen.

Jetzt, wo sich alles auf einen Höhepunkt hinentwickelt, überlegen die beiden, wie es mit ihrer Tintenlinie weitergeht. „Wir drängen den Zuschauern natürlich keine Interpretation auf“, sagt Thomas Stellmach. „Alles bleibt offen und organisch“, ergänzt Maja Oschmann.

Dass sie die zeichnerische Grundlage des Films auf Papier herstellt, gibt dem Projekt erzählerisch eine größere Tiefe, als wenn alles am Rechner entstanden wäre. Diese Erfahrung haben die beiden Filmer gemacht.

Der Film soll später im Louis-Spohr-Museum zu sehen sein. Die Spohr-Gesellschaft gehört auch zu den Haupt-Förderern. Weitere Geldgeber werden dringend gesucht, mit den bisherigen 70 000 Euro Unterstützung lässt sich das Projekt längst nicht finanzieren, die Künstler arbeiten unter großem persönlichen Verzicht. Sie wissen aber: „Nur mit Leidenschaft und Ausdauer entsteht die Qualität, die wir wollen und brauchen.“

Zu den Personen

Der Trickfilmer Thomas Stellmach (46, ledig) kam 1988 von Straubing für das Trickfilmstudium nach Kassel. Damals gab es in Deutschland wenig Möglichkeiten, diese Kunstform zu studieren. Während des Studiums arbeitete er vier Jahre an seinem Trickfilm „Quest“, für den er 1997 einen Oscar für den besten animierten Kurzfilm bekam. Der Trickfilm erzählt die Geschichte eines Sandmenschen, der auf der Suche nach Wasser durch verschiedene Welten wandert. 1999 schloss er sein Studium ab. 2000 gründete er mit Kollegen die Firma Lichthof und arbeitete an Werbespots. 2009 stieg er dort aus, um wieder mehr künstlerisch zu arbeiten.

Die Künstlerin Maja Oschmann (36) aus Kassel studierte ebenfalls an der Kunsthochschule und machte 2005 ihren Abschluss. Sie initiierte mehrere Projekte mit Musikern und arbeitete auch für die Kasseler Musiktage. Sie gründete eine Zeichenschule in der Korkfabrik, die derzeit wegen des Filmprojekts auf Eis liegt. Oschmann ist verheiratet und erwartet ihr zweites Kind.

In einer Ausstellung mit Werkstattgespräch erläutern die Künstler in dieser Woche ihr Filmprojekt: „Virtuos virtuell“ wird präsentiert im Kunsttempel, gegenüber der Stadthalle. Vernissage ist am Donnerstag, 20 Uhr, geöffnet ist ferner Freitag bis Sonntag, 15 bis 18 Uhr. Es gibt auch ein Gewinnspiel.

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