Musikalisch stark, szenisch schwach: Der „Holländer" in Bayreuth

Endlich zur Ruhe kommen: Der Holländer (Samuel Youn) sucht Halt bei Senta (Adrianne Pieczonka). Foto:  Bayreuther Festspiele/ nh

Bayreuth. Die größte Aufregung verursachte der „Fliegende Holländer“, mit dem die Bayreuther Festspiele in diesem Jahr eröffnet wurden, schon im Vorfeld. Vier Tage vor der Premiere war der russische Sänger Evgeny Nikitin, der die Titelpartie singen sollte, wegen seiner Nazi-Tattoos ersetzt worden.

Und zwar durch den Südkoreaner Samuel Youn. Der dankte dem Publikum nach der Premiere auf Knien - dabei waren die Bravos, die ihm entgegenschallten, souverän ersungen und keineswegs bloß Anerkennung für das kurzfristige Einspringen.

Das mit viel Prominenz durchsetzte Publikum im Festspielhaus ist bei den Premieren ja überwiegend nicht auf Krawall aus, sondern möchte sich begeistern lassen. In diesem Jahr musste man sich da ganz an die musikalische Seite der Aufführung halten.

Denn während sich die spannungslose Inszenierung des 31-jährigen Bayreuth-Neulings Jan Philipp Gloger vor allem in holzschnittartiger Kapitalismuskritik erschöpfte, bewies Christian Thielemann (53) am Dirigentenpult auch mit dieser Produktion, dass er in Bayreuth derzeit musikalisch die Maßstäbe setzt. Tosende Stürme? Die setzten mit Urgewalt gleich in der Ouvertüre mit dem Hornruf des Holländers ein. In fast buchstabierender Deutlichkeit stellte Thielemann dann dem Wüten des Sturms das sanfte Erlösungsmotiv Sentas gegenüber - und deutete so die enorme Spannweite seiner Interpretation an.

Der „Holländer“ ist mit seinen Schärfen keineswegs das ideale Werk für die weiche Bayreuth-Akustik. Doch Thielemann gelang es, einen ungeheuer plastischen Klang zu erzeugen. Vor allem aber setzte er die dramatischen Dialoge Sentas mit Erik und dem Holländer unter Hochspannung.

Die Darsteller dankten es ihm mit Höchstleistungen. Adrianne Pieczonka kämpfte bei der Ballade der Senta, in der sie als Erlöserin des rastlosen Holländers fantasiert, mit kleinen Wacklern, steigerte sich dann aber und wurde zur mitreißenden Heldin. Samuel Youn als Holländer war ein ebenbürtiger und ausdrucksstarker Partner, auch wenn seiner Stimme die tiefschwarze Färbung fehlt. Über die verfügt Franz Josef Selig, der als Sentas stimmgewaltiger Vater Daland Dominanz ausstrahlte.

Chor war das Prunkstück

Michael König überzeugte mit strahlend-festem Tenor als hingebungsvoll um Senta kämpfender Erik, während Benjamin Bruns den Steuermann stimmlich mit klaren Konturen versah. Ein Prunkstück der Aufführung war auch diesmal der von Eberhard Friedrich einstudierte Chor.

Hätte der Regisseur Jan Philipp Gloger in Christof Hetzer nicht einen tollen Bühnenbildner zur Seite gehabt, sein Versuch, die Holländer-Geschichte ins Heute zu holen, wäre noch deutlicher gescheitert. Glogers Ansatz, den zu ewiger Seefahrt verdammten Holländer als rastlos reisenden, emotional ausgebrannten Wirtschaftsboss zu zeigen, unterstützte Hetzer mit einem starken Eingangsbild: Statt Gewitterblitzen sausen Lichtspuren über eine Art Riesenplatine, die die gesamte Bühne erfüllt, explodierende Zahlenreihen deuten das entmenschlichte Innere des Börsengeschehens an (auch die Schuldenuhr des Steuerzahlerbundes lässt grüßen).

Das Unheimliche nicht zu durchschauender Wirtschaftsabläufe wird hier optisch greifbar. Doch die Szenerie bleibt statisch, und die verzweifelte Suche des Holländers nach Erlösung - von der Musik gewaltig untermalt - wird auf das Bedürfnis eines Managers reduziert, mal zur Ruhe zu kommen.

Noch naivere Gesellschaftskritik bringt der zweite Akt, in dem die Spinnstube zur Fabrikhalle wird, in der junge Frauen Ventilatoren verpacken. Nur Senta bastelt aus den Kartons einen blutverschmierten Pappkameraden als Abbild des von ihr fantasierten Helden. Unfreiwillig komisch wird es, wenn sich Senta Flügel anzieht und - halb Engel, halb Schmetterling - eine traumverlorene Liebesgeschichte mit dem Holländer beginnt, während Erik, ein braver Handwerker, ohnmächtig zusieht. Statt entrückt zu werden, wird aus dem Paar am Ende ein merkwürdiges Industrieprodukt, das die Ventilator-produktion ersetzt. So einfach kann man es sich machen.

Fast so lautstark wie der Jubel für Sänger und Dirigenten war dann auch der Buhsturm, der den Regisseur empfing.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.