Musikalische Größe: Francesco Angelico dirigierte das Kasseler Staatsorchester

Solist: Razvan Hamza (Violine).

Kassel. Francesco Angelico, derzeit Musikchef in Innsbruck, stellte sich als Kandidat für den ab Sommer freiwerdenden Posten des Kasseler Generalmusikdirektors vor.

Was es mit seinem Doppelkonzert für Violine, Violoncello und Orchester op. 102 auf sich hat, zeigt der Komponist Johannes Brahms gleich zu Beginn: Nach einer knappen Orchestereinleitung präsentieren sich sogleich ausgiebig die Solisten in zwei Kadenzen. Beim Sinfoniekonzert des Staatsorchesters in der ausverkauften Kasseler Stadthalle war dies ein äußerst spannender Auftakt.

Zum einen, weil die Solisten - Konzertmeister Razvan Hamza (Violine) und Solocellist Eugene Lifschitz - aus den Reihen des Orchesters kommen. Zum anderen, weil die beiden höchst unterschiedliche musikalische Charaktere sind. Klar und souverän, mit noblem silbrigem Ton Razvan Hamza, ein Ausdrucksmusiker par excellence dagegen Eugene Lifschitz, einer, der mit voller Cello-Wucht einsteigt.

Ein zu großer Gegensatz? Nein, eine hervorragende Kombination, denn Brahms verlangt für sein Konzert keineswegs musikalisch eineiige Zwillinge. Und dass die beiden auch hervorragend harmonieren, zeigten sie nicht nur in den ausgiebigen Unisono-Passagen des langsamen Satzes. Wunderbar aber, wie Lifschitz das rhythmisch prägnante Thema des Schlusssatzes dramatisch auflud, während Hamza demselben Thema ein Moment heiterer Beschwingtheit beifügte. Für diese profilierten Soli schuf der Gastdirigenten Francesco Angelico weit mehr als nur einen perfekten Rahmen.

Angelico (39), derzeit Musikchef in Innsbruck, stellte sich in diesem Konzert als Kandidat für den ab Sommer freiwerdenden Posten des Kasseler Generalmusikdirektors vor. Das Orchester ließ er klanglich aufblühen, das Brahms-Konzert vibrierte nur so vor Energie. Vielleicht wäre gegenüber den Solisten stellenweise etwas mehr Zurückhaltung angebracht gewesen.

Die war jedoch bei Antonín Dvorák neunter Sinfonie „Aus der neuen Welt“ nicht gefragt. Wenige Sinfonien glänzen mit einer solchen Fülle markanter Themen und Stimmungen, wie dieses 1893 in New York uraufgeführte Werk. Toll, wie Angelico das machtvolle, durch seine Synkopen „amerikanisch“ anmutende Thema exponierte, dem eleganten Flötenthema Raum und dem umfangreichen ersten Satz Kraft und Struktur gab. Wie er aber auch die verhangene Stimmung des zweiten Satzes mit seinem berühmten Englischhornsolo (Christian Voß) einfing.

Die tänzerische Eleganz des recht flott genommenen Scherzos entfaltete sich ebenso wie die musikalische Größe des Finales (da klingt Amerika wirklich „great“), das nach einem spannenden Ritt durch die Prärie zu einer mitreißend gestalteten Schlusssteigerung führte. Jubel, Bravos, auch Standing Ovations für diese eindrucksvolle musikalische Demonstration.

Von Werner Fritsch

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