Geigerin Midori und Pianist Özgür Aydin beim Kultursommer

Musikalische Lektion

Ein Höhepunkt des Kultursommers: Der Auftritt von Midori und Özgür Aydin in der Frankenberger Liebfrauenkirche. Foto: Holscher

Frankenberg. Wie aus dem Nichts erreichten Midoris erste Geigentöne in der Frankenberger Liebfrauenkirche die 250 Zuhörer. Zwar beginnt Beethovens Sonate für Klavier und Violine in A-Dur op. 30,2 ohnehin verhalten. Doch diese kaum hörbaren und dennoch so klar und bewusst geformten Töne kündigten einen anderen, ungewöhnlichen Beethoven an - Beginn eines höchst außergewöhnlichen Konzerts.

Schon zum zweiten Mal war die Japanerin Midori (40), die seit vielen Jahren zu den Top Ten der internationalen Geigenstars zählt, beim Kultursommer Nordhessen zu Gast - mit einem Auftritt, der zugleich eine musikalische Lektion war. So aller oberflächlicher Robustheit entkleidet, so auf das Wesentliche konzentriert, ohne dass seine Musik dadurch auch nur im Geringsten an Kraft einbüßte, hört man Beethoven kaum einmal.

Eigentlich hätte das Adagio der Sonate, das Midori als ein Wunder an intensiver Melodik ganz im Pianissimo-Bereich beließ, einen dezenten Hammerflügel aus der Beethovenzeit als Begleitinstrument verdient gehabt. Doch Midoris ausgezeichnetem Klavierpartner Özgür Aydin gelang es auch am modernen Kawai-Flügel, die rhythmisch pointierte Begleitung der Violine anzupassen.

Zwei große Kontraste enthielt der Sonatenabend. Fast ungeschützt und intim wirkte Janácˇeks Violinsonate nach der Beethovensonate - suchend das erste Violinmotiv, während das Klavier die innere Erregtheit mit tremulierten Akkorden signalisiert.

Doch auch hier versagten sich Midori und Aydin jeden äußeren Effekt, sondern berührten die Zuhörer mit ihrem Spiel, das jeder Note Substanz und ihr spezifisches Gewicht verleiht. Unnötig zu betonen, dass eine derartige Durchdringung der Musik höchste spieltechnische Standards voraussetzt. Janácˇeks Musik erreichte die Hörer dabei so direkt, als ob sie einer spontanen Regung im Moment des Spiels entspränge.

Auch den zweiten Konzertteil eröffnete wieder Beethoven, diesmal die A-Dur-Sonate op. 12,2. Den lebhaft-spielerischen ersten Satz gestalteten Midori und Aydin zugleich hoch energetisch und federleicht, und dem Andante versagte Midori mit nur feinstem Vibrato die gängige Süße.

Noch einmal kippte die Ausdruckswelt bei Ernest Blochs üppiger, überbordender Sonate, dem „Poème mystique“ - Midori und Aydin gelang dabei ein Wunder an Klarheit - mitten im impressionistischen Klangrausch. Eine Debussy-Zugabe rundete das begeistert gefeierte Konzert ab.

Von Werner Fritsch

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